Mannheim
Compact Memory

Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1905-01-01 · 1905 · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1905
Date
1905-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2720904-2721007--07-2725164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7 standen hat, die Bildung einer jeden Zeit mit dem ewigen Inhalt seiner Lehre zu vereinigen, dass wir uns gerade dadurch behaupteten, dass wir niemals stille standen und stets danach strebten, nicht bloss an Jahren, sondern auch an Erkenntnis zuzunehmen. Ja, wir machten zu unserem Wahlspruch das Wort: ראשית חכמה ״ קנה חכמהAller Weisheit Anfang ist Weisheit erwerben״ (Spr. 4,7), ist das Streben, der Drang nach Erkenntnis, ist nicht der Besitz, sondern der Erwerb der Weisheit. Nun ist es freilich eine bekannte Erscheinung, dass viele in den späteren Jahren die Anfangsgründe vergessen, und daher kommt es auch, dass viele häufig jenen Anfang aller Weisheit nicht festhalten und von einem gewissen Zeitpunkte an, wenn sie glauben, Erkenntnis zu besitzen, aufhören, Erkenntnis zu erwerben, auch in diesem besonderen Falle die Wahrheit des Satzes bestätigend, dass sie es nicht verstehen, das Ende an den Anfang zu knüpfen. Wir aber verlernten niemals jenen Anfang aller Weisheit, das Streben nach Erkenntnis, und die Lehre selbst betrachteten wir nicht als einen veralteten ererbten Besitz, sondern eigneten uns dieselbe immer aufs neue an, pflanzten dieselbe immer aufs neue ins Leben. Das war es, was uns zu hohen Jahren kommen Hess, .ימים ידברו ורב שנים יודיעו הבמה ״Die Tage haben eine Sprache, und die Fülle der Jahre bekundet Weisheit (Job 32, 7).״ Gewiss, wir standen niemals stille, der Strom der Ereignisse flutete nicht spurlos an uns vorüber, und die grossen Geschicke, die Weltbegebenheiten übten ihren Rückschlag auf uns, aber wie der Himmel stets den Wanderer begleitet, mit ihm geht, wohin er auch seine Schritte lenkt, so begleitete auch Israel seine Lehre auf allen seinen Wanderungen und Wandlungen durch die Jahrtausende, und über dem wandelbaren Geist der Zeit thronte der ewige Geist Gottes. Von dieser Erkenntnis ausgehend, machte sich die Anstalt zur Aufgabe, Rabbiner heranzubilden, welche, nicht bloss mit den theologischen Fachkenntnissen, sondern auch mit dem Rüstzeug allgemeinen Wissens ausgestattet, imstande sind die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu überbrücken und Lehre und Leben durch die Wissenschaft zu versöhnen auf dem Boden des positiven Judentums. Das war der besondere Weg, nicht geeignet, den Beifall der Welt zu gewinnen, denn auf die Frage: ״Gehörst tlu zu uns oder unseren Gegnern“ הלנו אתה אם לצרינו, wollten die meisten eine entschiedene Antwort, aber der Weg hat sich bewährt, denn es erfüllte sich an der Anstalt die Verheissung: ״ 'ואגדלה שמךich will deinen Ruf verbreiten.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.