Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1905
- Date
- 1905-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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6 gemeinsam hatten, dass sie als ihre Lebensaufgabe betrachteten, die eigenen. Existenzbedingungen so günstig als möglich zu gestalten, die nationale Wohlfahrt, den Ruhm, die Grösse ihres Namens zu vermehren. Israel hingegen tritt auf mit einer ganz neuen eigen־ artigen Aufgabe, es stellt sich in den Dienst Gottes, es will durch Übung von Recht und Gerechtigkeit den Namen Gottes verbreiten und verherrlichen, es geht einen Weg, der ganz abseits liegt von der grossen Heerstrasse der Völker. Aber freilich, wer von der grossen Heerstrasse abbiegt und einen Seitenpfad einschlägt, darf sich nicht wundern, wenn Knaben ihn fragen: Warum gehst du diesen Weg? Und die genannte Erzählung, meine Andächtigen, ist es auch, mit deren Hilfe wir die Richtung dieser Anstalt in theoretischer Be- Ziehung kennzeichnen wollen. Einen eigenen Weg galt es auch einzuschlagen in der Zeit, in die uns unsere Betrachtung zurückversetzt, in einer Zeit, in welcher sich eine Kluft aufgetan hatte zwischen Lehre und Leben, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es galt einen eigenen Weg einzuschlagen gegenüber den extremen Richtungen, die sich bekämpften. Was wollten die einen und was wollten die anderen? Die einen klammerten sich mit Macht an die Vergangenheit und verschlossen den Blick gewaltsam vor dem völligen Umschwung, welchen die Zeit in allen Verhältnissen herbeigeführt hatte, die anderen wollten mit allen Traditionen der Vergangenheit brechen und erkannten bloss das Recht der Gegenwart an, die einen sahen sozusagen bloss den Anfang, die anderen bloss das Ende, die einen erkannten die Macht der Zeit gar nicht an, die anderen hielten es gar mit jenem Philosophen, welcher auf die Frage, was das Weiseste sei, zur Antwort gab, die Zeit, und dabei hatten sie nicht die Zeit als Ganzes im Auge, sondern nur ihre Zeit. Allein, meine Andächtigen, dieser angeblich weiseste aller Lehrmeister, die Zeit, ist auch der vergänglichste von allen, wer nur auf ihn schwört, fällt selbst der Vergänglichkeit anheim, der Schüler überdauert den Meister nicht. So schroff aber auch beide Riehtüngen einander gegenüberstanden, Eines hatten sie gemeinsam, beide bewegten sich auf einem ausgefahrenen Geleise, die einen sowohl, welche nur auf das Herkommen hin wiesen, als auch die anderen, welche, durch keine Fessel der Überlieferung eingeengt, freie, ebene Bahn hatten überall. Darum galt es, einen eigenen Weg einzuschlagen, einen Weg, welcher Vergangenheit und Gegenwart versöhnt, der sozusagen das Ende mit dem Anfang verknüpft, mit dem Neuen die Treue gegen das Alte verbindet. Es galt, der Erkenntnis Bahn zu brechen, dass das Judentum es stets ver-