Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2720904-2721009--14-2725133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
früher etwa in der Schule den Kindern beigebracht hätte, was sie zu Hause bei der Tafel fragen sollten, ist nicht anzunehmen. Ein Formular für solche Fragen, auf die der Vater sein Kind aufmerksam zu machen habe, besitzen wir in der Mischna und in dem daraus entlehnten bekannten Stücke der Haggada: מה נשתנה, das in späterer Zeit der jüngste Knabe im Hause zu lernen und am Sederabend aufzusagen pflegte. Jn der Mischna erstrecken sich diese Fragen nach der ursprünglichen Leseart, wie sie sich im palästinensischen Talmud und in noch einigen Texten erhalten hat, sachgemäss auf den Genuss des Passahlammes, der ungesäuerten Brote und des Bitterkrauts. Die letzte Frage wurde nach damaliger Sprachweise folgendermassen ausgedrückt: Warum taucht man (isst man Salat, Bitterkraut) an diesem Abend zweimal (vor und während der Mahlzeit), während man sonst nur Ein Mal, vor der Mahlzeit, Bitterkraut zu gemessen pflegt. In späterer Zeit wurde jedoch mit der veränderten Sitte diese Redeweise anders aufgefasst, und man änderte einerseits die erwähnten Worte in die Fassung: ״Warum man min zweimal eintaucht, während man sonst auch nicht Ein Mal eintaucht“, und man fügte andererseits noch eine auf das Bitterkraut sich beziehende Frage hinzu mit den Worten: ״Warum wir sonst beliebige Kräuter essen und am Pesachabend nur Bitterkraut“; indess man doch sonst sowohl Bitterkraut, wie am Pesachabend auch andere Kräuter geniesst, welche Schwierigkeit bereits Raschi hervorgehoben hat. Die Frage bezüglich des Pesachopfers kann freilich in unseren Tagen keine Anwendung finden, wie wiederum die später hinzugekommene Frage: ״Warum wir an diesem Abend ausnahmsweise angelehnt liegen“, für das Altertum nicht passt. Die Antwort auf diese Fragen erteilte das Familienoberhaupt oder der Ehrwürdigste in der Versammlung in freier Weise, so gut es ein jeder vermochte. Diese Antwort nahm aber allmälig eine festere Form an, zumal sie bereits in der Tora deutlich gegeben war, und es gestaltete sich somit, dass man einen bestimmten Text aus der Tora, Deut. 26, 5 bis wahrscheinlich 9 einschliesslich, zugrunde legte, denselben versweise anfübrte und Wort für Wort nach der damaligen Auslegungsweise midraschartig näher erläuterte. Dieser Text mochte um so geeigneter erscheinen, als ihn die Tora selbst anlässlich der Darbringung der .Erstlingsfrüchte zu verlesen gebietet, und er die Erzählung von der Einwanderung Israels in Aegypten, von seinem Auszuge aus diesem Lande und der Besitznahme Palästinas kurz enthält; den letzten Vers, der lautet: ״Und er brachte uns an diesen Ort, und er gab uns dieses Land, ein Land, fliessend von Milch und Honig“, lassen wir nunmehr, als für unsere Zeitverhältnisse un-