Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1904
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2720904-2721009--07-2725126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 7 — Das älteste uns bekannte Fest, das Israel schon in Ägypten in der Erwartung seiner baldigen, mit dem Tagesanbruch eintretenden Erlösung am Abend des 14. Abib, des Frühlingsmonats, beging, das erste Opfer, das Israel in seiner Gesamtheit als den ersten Gottesdienst ohne Priester und Tempel und Altar auf fremdem Boden in den eng gezogenen Kreisen seiner Familien veranstaltete, wobei das Haus das Heiligtum, der Vater den Priester vertrat, war das Pesachopfer, das Pesachfest. Mit diesem Feste hat Israel seine Weihe empfangen, seinen Eintritt in die Geschichte gefeiert; es bildet die Grenzlinie zwischen einer alten und einer neuen Zeit, eröffnet eine neue Ära, eine neue Zeitrechnung nicht ausschliesslich für die Geschichte Israels, und der Monat Abib, oder, wie er später nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil genannt wurde, der Monat Nisan, ist darum auch der erste in der Reihe der Monde, der Frühlings- und Befreiungsmonat. An die Erlösung Israels als an die Vorbedingung und den Ausgangspunkt für die Gestaltung und Entwicklung des israelitischen Lebens und Geistes — denn Freiheit und Würde der Person bilden die Grundlage für Religion, Recht und Gesittung — knüpft die Offenbarung am Sinai, knüpfen die meisten Gebote der Tora an und, wie jeder Israelit die erhabene Weisung, Gott den Ewigen und Einen mit voller Innigkeit, Hingebung und Kraft zu lieben, sich und seinen Kindern stets einschärfen und als Gedenkzeichen an Haupt und Arm binden soll, so soll er auch die Befreiung Israels aus Ägypten sich und seinen Kindern durch Wort und Zeichen stets vergegenwärtigen. Steht an der Spitze der jüdischen Religion die Lehre von der Einheit Gottes, so steht an der Spitze der jüdischen Geschichte der Auszug aus Ägypten und, wessen Herz von der Religion seiner Väter beseelt ist, dessen Sinn kann für deren Geschichte nicht stumpf und erkaltet sein. Die Geschichte eines Volkes steht mit seiner Denkart und Überzeugung in innigem Zusammenhänge, so dass dessen Taten und Geschicke zumeist von den in ihm waltenden Kräften und Ideen abzuleiten sind und, wenn dies schon allgemein von jedem Volke gilt, um wie viel enger und inniger müssen die Beziehungen zwischen der Geschichte und der Religion Israels sein, dessen eigentliehe von der Vorsehung ihm zuerteilte Bestimmung und Bedeutung in der Erkenntnis und Betätigung göttlicher Ideen, in der Entfaltung und Förderung religiöser Wahrheiten zu suchen ist. Israel sollte nicht aus Ägypten ziehen, um ein mächtiges Staatswesen zu gründen, sondern um zur Höhe der Gesittung emporzusteigen, nicht, weil nun einmal jede selbständige Gemeinschaft ihre Verfassung, ihr Gesetz haben muss, hat das frei gewordene Israel die Lehre am