Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1901
- Date
- 1901-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/2720904-2720969--19-2724896- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Niger 1× ep/1824046
OCR text
98 sie verführen,, war einfach und bewährt. Wer es züerst erfunden, ob die westgothischen Könige in Spanien oder Ludwig Philipp von Frankreich oder Johann ohne Land von England, ist schwer zu ent־ scheiden. Aber die Maassregeln waren immer dieselben1). Man fing einen reichen Juden und liess ihn zunächst unverhört eine Zeit in hartem Gefängnisse . schmachten. Dann wurde er etlicher Verbrechen, zu denen im. besten Fall sein Vorleben vielleicht einen Anhaltspunkt darbot, bezichtigt und mit schwerster Ahndung an Leib und Leben so lange bedroht, bis er in der Todesangst zu den Versprechungen, Eiden und Versicherungen, welche die Gewalthaber von ihm erpressen wollten, ״aus freien Stücken und unbezwungen“ bereit war. Hatte er dann Urfehde geschworen, so liess man ihn seine Strasse ziehen und wartete, bis er wieder zu Gelde gekommen י war, um dann das Experiment zu wiederholen. So ging es in jenen Tagen Michel von Reichenbach, einem der wenigen Juden, dessen Grossvater vielleicht schon um 1350 in Schlesien, und zwar in Neisse, ansässig gewesen war2). Er war Oeis er Unterthan und besass auch einen Geleitsbrief des Breslauer Rathes3). Bereits 1418 hatte ihn sein Landesherr, Herzog Conrad Senior von Oels (III, 4), damals Bischof von Breslau, der als ein ״zornmüthiger, wenig gebildeter, fetter, verwachsener, allen sinn־ liehen Lüsten ergebener, triefäugiger, stammelnder und stotternder״ Herr geschildert4), anderweitig aber auch als ״eine Kraft“ bezeichnet wird5), ״die unter geordneten Verhältnissen eine einheitliche deutsche Politik hätte hersteilen können“, in eine ״Strafe“ von tausend Mark genommen, weil er ״vor dem Rathe frevelichen eyme andere Joden gedröweht“ haben sollte6). Er hat night nur diese ungeheuer hohe Busse bezahlt, sondern in demselben Jahre auch noch dem Breslauer Rath acht Tage, nachdem der grosse Aufstand beendigt ג) Stobbe, Juden in Deutsch!., S. 36 ff. 2) Vgl. die Bemerkung im Stadtarchiv K. 17b, 2, S. 7 und Anb. III, D. Bresl. 65, vgl. S. 08 und Anh. ITC F. XI, 1. 3) Vgl. S. 197, Anm. 1. Häusler S. 296 4) ״Vir niger et cholerieus, parvae litterature, staturae parum juste, mero, crapulae et ventri deditus, in feminas male temperatus, •prodigus, expensor, crassi corporis, oculos habens lippientes, sermone mutiläto et balbutiente ütebatur“, sagt Dlugosz (ebron. episc. Vrat, ed. Lipf, p. 26 f.) von ihm. * sjl Grunhagen, Gesch. Scbles. I, 274. Vgl. ferner über ihn Heyne m,703 ׳ ff. Häusler, 241. י4■־*׳) Stobbe in Z. VII, 178. Das scheinen die Signaturen LXIEC, BXXn bis LXXW und LXXIX bis LXXXI (bei Stobbe, Z. VII, 178. 181. 185) ausznsagen. Vgl. auch Anh. HI,^Gr. I, 108.