Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1900
- Date
- 1900-01-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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114 — ursprüngliche Wissen der Seele absprechen, und es lässt sich bloss behaupten dass die Seele die Erkenntniss der sinnlichen Formen nicht durch sich selbst, d. h. ohne Vermittelung der Sinneswerkzeuge, zu erfassen vermag, und zwar aus dem Grunde, weil diese Formen in anderer Weise draussen als in der Seele existiren76). Belehrung, bloss durch geschicktes Fragen Wissen erzeugen könne, woraus sich ergebe, dass alles Lernen eine Wiedererinnerung sei, und zwar ist auf die Formulirung der Schlussfolgerung S. 85 zu achten, welche lautet: Wenn Jemand auf solche Weise etwas weiss, was er vorher nicht wusste, ohne dass ihn Jemand im eigentliehen Sinne belehrte, so holt er das Wissen aus sich selbst hervor, aus sich selbst aber das Wissen hervorholen, heisst sich erinnern (׳co 03 ootov £v 0:z dva|up7Jax3afr(7.t iaxiv;). Gabirol konnte von diesem Beweise Kenntniss erhalten haben, da er auch im Phaedon (S. 73) in kürzerer Fassung sich findet, der Phaedon aber übersetzt war. Bei dem Beweise, dass die Erkenntniss nicht mittheilbar wäre, wenn die Seele nicht erkennend durch sich selbst wäre, ist vielleicht an die sophistische Behauptung des Gorgias zu denken, wonach das Seiende. nicht erkennbar sei, und selbst das Gegentheil angenommen, das Wissen nicht mittheilbar sei. Unter Anderem wird als Grund hierfür angegeben, dass der Hörende nicht das Gleiche vorstelle, wie der Sprechende, da ein und dasselbe nicht zu gleicher Zeit in Verschiedenen sein könne, und selbst wenn dies der Fall wäre, es doch ihnen verschieden erscheinen müsste, da sie selbst verschieden sind, vgl. Aristoteles, de Gorgia 980a 19. Vielleicht glaubte nun Gabirol, dass diese Einwürfe sich nur beseitigen lassen durch die Annahme, dass ein sich gleich bleibender Typus der Dinge allen Menschen innewohne. Ausser den angeführten Beweisen wird B. III, 40, S. 170 bemerkt, dass nach der gegnerischen Ansicht sich kein Grund angeben liesse für die Zusammensetzung der Sinnesorgane, noch könnte es eine Belehrung der Seele geben, wenn die Formen in ihr nicht stabil wären. Der erste Einwand ist nicht klar. Vielleicht steht derselbe im Zusammenhänge mit dem, was vorangeht, und es dürfte gemeint sein, dass nach der Annahme, die Seele percipire die Formen, ohne von Haus aus eine Verwandtschaft mit ihnen zu besitzen, die Frage entstehe, warum sie nicht das zu thun im Stande sei ohne Vermittelung der Sinnesorgane. Anders nach der Ansicht, dass die Seele bloss darum wahrnehme, weil sie der Begriff aller Dinge sei und Gleiches durch Gleiches erkannt werde. Nach dieser Ansicht haben die Sinnesorgane die Bestimmung, zwischen der Form der Seele und der der äusseren Dinge eine Vermittelung herzustellen, da beide trotz aller Verwandtschaft doch einander zu sehr unähnlich sind. Wenn dies der Sinn ist, dann ist der Text corrumpirt, und anstatt sed quid possit u. s. w. müsste es heissen alioqui quid u. s. w. Vgl. übrigens Ibn Sina a. a. O. S. 355 u. oben S. 112, A. 73. 76) B. III, 38, S. 166, vgl. B. III, 28, S. 146.