Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2720904-2720975--74-2724739- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
60 als geläufige, hergebrachte Anschauung voraussetzen. Wie tief diese Lehre im Volke wurzelte und von Alters her dem Glaubensschatze des Judenthums einverleibt war, beweist der Umstand, dass man ihr eine Stelle in der aramäischen Paraphrase des Pentateuchs einräumte und danach Deut. 33, 6 und 21 deutete. Haben wir nun in Saadia einen beredten Anwalt der Unsterblichkeitslehre gefunden und gesehen, dass er nicht müde wird, Beweise für dieselbe zu häufen und ihre Berechtigung sowohl vom Standpunkte der Vernunft, als auch von dem der Offenbarung undUeberlieferung darzuthun, so werden wir ihn im Folgenden als einen entschiedenen und heftigen Gegner jenes uralten Glaubens kennen lernen, von dem man nicht weiss, ob man seine Heimath an den Ufern des Ganges oder des Nil zu suchen hat, und der in späterer Zeit zu den Griechen gelangte und Pythagoras, Plato und Andere zu seinen Anhängern zählte134). Wir meinen die Lehre von der Seelen- Wanderung, die, wie es scheint, nicht gar zu lange vor Saadia auch in jüdischen Kreisen Eingang gefunden hatte130). Viele, sagt er, habe ich gefunden, die sich Juden nennen 136) und sich zum Glauben 134) Zu den Anhängern der Seelenwanderung gehört (nach Plotin, Ennead IV, 8, 1, Aeneas von Gaza, Theophrastus a. 3) auch Heraklit und Empedokles. 13&) In der älteren Litteratur wird die Lehre von der Seelenwanderung nicht erwähnt. Was Josephus betrifft, der Antiq. (18, c. 2) anscheinend den Glauben an die Seelenwanderung den Pharisäern zuschreibt, so ist auf seinen Bericht kein Gewicht zu legen, und der vielleicht mit Absicht gewählte zweideutige Ausdruck yLSTaßcttvsiv etc sispov ist, wie heute allgemein angenommen wird, auf die Auferstehung zu beziehen. 136) Die Polemik gegen die Seelenwanderung findet sich im sechsten Abschnitt S. 103 ff. Ueber die auffällige Ausdrucksweise Saadias: אבל אומר שאנשים ממי שנקראים יהודים, deren er sich nur noch ein zweites Mal (S. 126) bedient, ist viel gehandelt worden, vgl. die Litteratur bei Guttmann S. 214 A. 1 und Monatsschrift 1895, S. 441—446. Jellinek. Orient, 1851, S. 410 hat zuerst die Vermuthung ausgesprochen, dass unter ״den Leuten, die sich Juden nennen,“ die von Juda aus Hamadan gestiftete Secte zu verstehen sei, die sich nach ihrem Stifter Judganijja nannte, und von der Sahrastani I, S. 168 (H. I, 255) Mehreres berichtet. Dass diese Secte sich zur Lehre von der Seelenwanderung bekannt hätte, wird zwar nicht mitgetheilt, aber die Enthaltung vom Fleischgen usse, die zu den Grundsätzen dieser Secte gehörte, dürfte vielleicht mit jener Lehre in Verbindung stehen. Schmiedl a. a. O. S. 164 macht mehrere Secten der Karäer namhaft, welche dem Glauben an die Seelenwanderung anhingen und bezieht die Worte Saadias auf diese. Nach einer anderen Auffassung soll der Ausdruck so viel besagen, wie ״Namensjuden“, ״Quasi- Juden“, Leute, die man wegen ihrer ketzerischen Ansichten nicht mehr als zum Judenthum gehörig betrachten kann. Diese Auffassung könnte sich für die zweite Stelle, wo von Leuten die Rede ist, die die messianischen Verheissungen auf die Zeit des zweiten Tempels bezogen haben, eher empfehlen als für die unserige, wo dem Zusammenhänge nach eine so harte Ausdrucksweise nicht gerechtfertigt erscheint.