Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
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65 Ja, wir tragen in uns selber die zuversichtliche Ahnung einer zukünftigen besseren Welt. Die Thatsache, dass wir hier auf Erden niemals die volle Befriedigung unserer Seele finden, und gehörten wir selbst zu den Glücklichsten und wäre ein Königreich unser eigen, die Erfahrung, dass alle Güter dieser Welt die Sehnsucht unseres Herzens nicht zu stillen vermögen, ist ein laut redendes Zeugniss unseres Innern, dass wir für ein höheres Glück, als diese Erde zu bieten vermag, geschaffen sind, daher das ewige Hinaussehnen über den gegenwärtigen Zustand, worin sich das tiefere, bessere Verlangen, die ungewisse Ahnung einer besseren Zukunft kund giebt. Wir wissen ferner, dass Gott dem Menschen die Vernunft eingepflanzt und ihm dadurch eine natürliche Scheu vor gewissen Dingen eingefiösst, während er ihn zugleich mit Neigungen und Trieben ausgestattet hat, die gerade in ihm das Verlangen nach jenen Dingen wach erhalten und ihn anreizen, über die Schranken hinauszustürmen, die zu achten ihm Vernunft und Gewissen gebieten, was einen ewigen Conflict, einen beständigen Widerstreit zwischen Pflicht und Neigung zur Folge hat. Dieser Kampf, der bis ans Ende des Lebens dauert und aus dem wir nur unter schmerzlicher Entsagung und mühevollen Opfern als Sieger hervorgehen können, weckt in uns die Ueberzeugung, dass auf die Zeit der Prüfungen und Entbehrungen ein Zustand folgen müsse, in dem wir für die Entsagung und Selbstüberwindung, die wir in diesem Leben geübt, den verdienten Lohn empfangen. Vollends die alte ungelöste Frage, wie es mit der Gerechtigkeit Gottes vereinbar sei, dass Leiden und Unglück häufig die Gerechten treffen, während den Ungerechten ein glückliches Loos beschieden ist, drängt uns zu der Annahme einer zukünftigen Welt, in der jene harmonische Ausgleichung stattfindet, die wir auf Erden schmerzlich vermissen128). vorangehenden Gedanken von der gemischten Freude jedenfalls besser passt. Tibbon scheint gelesen zu haben. Anstatt שבבעלותם Z. 28 ist שבמעלותיל zu lesen. 128) Guttmann, a. a. O. S. 243 A. 2 findet es auffällig, ״dass Saadia unter den Beweisen für die Unsterblichkeit der Seele den eigentlich ontologischen, der sich auf den Begriff der Seele gründet, unberücksichtigt lässt, obwohl ihm derselbe aus Plato ohne Zweifel bekannt war.“ Die Frage ist nach unserer Meinung leicht dahin zu beantworten, dass, da nach Saadia die Seele in der Zeit entstanden ist und nicht immer vorhanden war, es auch selbstverständlich nicht in ihrem Begriffe liegen kann, nicht aufzuhören. Es fehlt bei ihm demnach die Basis für den ontologischen Beweis. Damit sind auch die Schwierigkeiten beseitigt, die Guttmann