Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2720904-2720975--41-2724706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
36 Erinnerung, das Denken und das Urtheil, die dort localisirt sind, während das Herz das Centralorgan der Wahrnehmung und Bewegung sei. Das beweist deutlich, dass Saadia bereits den Aristotelischen Standpunkt hinsichtlich der Bedeutung des Gehirns verlassen habe, und setzt die Bekanntschaft mit den späteren Anschauungen Galens voraus. Wodurch aber die Verbindung zwischen Herz und Gehirn hergestellt werde, in welcher Weise die Sinneswahrnehmungen dem Denken zugeführt werden, darüber spricht sich Saadia nicht aus. Er wird jedoch sicherlich gerade so, wie nach ihm eine Verbindung zwischen den Sinnesorganen und dem Herzen bestehen muss, auch eine solche zwischen Herz und Gehirn angenommen haben. Jedenfalls ist man zu der Annahme, Saadia habe seinen Standpunkt geändert, und seine Anschauung im Commentar lasse sich mit der in seinem religions-philosophischen Werke entwickelten nicht vereinbaren, nicht berechtigt, da die Behauptung, das Herz sei Centralsitz der Seele, keineswegs die Möglichkeit ausschliesst, dass nächst dem Herzen der zweite Rang dem Gehirn gebühre65). Das Herz kann immerhin der prinzipielle Sitz der Seele genannt werden, insofern von jenem Mittelpunkte aus die Lebenswärme und das Pneuma ausströmt und sich den verschiedenen Organen mittheilt, wenn auch daneben das Gehirn als Organ der höheren Erkenntnissfunktionen gedacht wird. Wir Sinnenpneumata, das Sprach- und Zeugungsvermögen, wozu dann hinzukommen als Theile des 0Xo׳(ov die Begierde, der Muth, die Phantasie und das aXcyfov selber als besonderer Theil. Hirzel schliesst sich Siebeck a. a. O. II S. 497 N. 54 an, nur mit dem Unterschiede, dass Letzterer meint, als zwölftes Vermögen sei vielleicht nicht das aLoyjv selber, sondern irgend ein anderes Vermögen, etwa die Bewegung, zu nehmen. Das Ganze ist, wie leicht ersichtlich, trotz Allem eine blosse Vermuthung, denn es ist nicht einzusehen, warum das Zeugungsvermögen zum vernünftigen Seelentheile, die Phantasie zum aX0ע0ץ gerechnet werden sollte. Um auf Saadia zurückzukommen, so gewinnt man die Zahl zwölf, wenn man von den im Commentar zu den Sprüchen genannten Seelenkräften einige, etwa die zu p gehörigen מושך םתדלן מעכל לוחה ausscheidet; die Zahl siebzehn erlangt man, wenn man den Tastsinn besonders rechnet, den Saadia offenbar darum nicht mitzählt, weil er für denselben kein besonderes Organ annahm. Ob zwischen der Eintheilung Saadias, und der der Stoiker ein Zusammenhang besteht, lässt sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden, ausgeschlossen ist es jedoch nicht, da es an einer Bekanntschaft mit den Ansichten der Stoiker im Kreise der Mutakallim, wie wir gesehen haben, nicht fehlte. Der Umstand, dass Saadia von besonderen Pneumata spricht, weist sogar auf stoischen Ursprung hin. 63J Zur Annahme eines solchen Widerspruchs ist man um so weniger berechtigt, als auch Emunot S. 111 von den sechszehn Seelenkräften die Rede ist, und wahrscheinlich wird Saadia auch dort sich dieselben in derselben Weise localisirt gedacht haben, wie im Commentar zu den Sprüchen.