Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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V Was schliesslich das Interesse betrifft, das die jüdischen Religionsphilosophen überhaupt bestimmt hat, die Psychologie in ihren Systemen zu behandeln, so ist hier zunächst zu bemerken, dass es in erster Reihe die Unsterblichkeitslehre und deren speculative Begründung war, die sie naturgemäss zwingen musste, sich mit den Fragen über das Wesen der Seele zu befassen und die verschiedenen hierüber ausgesprochenen Ansichten zu prüfen. Bei Einigen herrscht der ethische Gesichtspunkt vor und es handelt sich bei ihnen um die Frage der Entwickelungs- und Läuterungsfähigkeit der Seele, um die Möglichkeit ihrer Vervollkommnung und Veredlung. Besonders stark betonen die Wichtig־ keit und die Bedeutung der Psychologie die Neuplatoniker, indem sie dieselbe nach dem Vorgänge Plotin’s als den Ausgangspunkt der Erkenntniss und des Wissens überhaupt hinstellen. Vereinzelt treten uns noch andere Gesichtspunkte entgegen, wie z. B. bei Hillel aus Verona in seinem Tagmule ha-Nephesch, der die Bedeutung der Psychologie in ihrer Beziehung zur reingeistigen Auffassung von der Wesenheit Gottes hervorhebt, da ja eine materialistische Auffassung der Seele leicht geeignet ist, die Anschauung vom Wesen Gottes zu trüben und Vorstellungen, die dem Dogma der Unkörperlichkeit entgegengesetzt sind, Vorschub zu leisten, während umgekehrt die Ueberzeugung von der Im־ materialität der Seele ein sicheres Fundament für den Glauben an die Unkörperlichkeit Gottes bildet. Damit soll nun nicht gesagt sein, dass die Analogie zwischen Gott und Seele, die sich von selbst aufdrängt, im Allgemeinen nur selten angewendet wurde. Es soll hier vielmehr nur hervorgehoben werden, dass in diesem speciellen Zusammenhang der Vergleich nicht eben häufig vorkommt. Entsprechend diesen verschiedenen Gesichtspunkten ist auch die Behandlung der Psychologie bei den jüdischen Religions- Philosophen eine sehr verschiedene, wird bald der eine, bald der andere Theil der Seelenlehre bevorzugt. Den Anfang mit einer methodologischen Betrachtung der Seele macht der Gaon Saadia, der die Reihe der jüdischen Religionsphilo־־ sophen eröffnet. Er widmet der Seelenlehre im sechsten Abschnitt seines religionsphilosophischen Hauptwerkes eine zusammenhängende Betrachtung. Eine ganze Anzahl der einschlägigen Fragen hat er dabei freilich ganz unerörtert gelassen, wie es denn überhaupt an einer gleichmässigen Behandlung der Psychologie, die sich auf alle Theile derselben erstreckt, auch bei den späteren 1*