Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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IV sie erfahren, in welcher Weise man einzelne Lehren des Alterthums im Mittelalter auffasste, sondern es fehlt bei ihnen auch nicht an einer directen systematischen Fortbildung und Weiterentwickelung einzelner Theile der Seelenlehre. Manche Fragen, welche früher nur gelegentlich berührt wurden, rückten später in den Vordergrund und wurden eingehender behandelt, während umgekehrt gewisse Fragen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen wurden, als wären sie nie aufgetaucht. Zur letzteren Gattung gehört beispielsweise die Frage nach der objectiven Realität der Sinneswahrnehmungen und nach dem Unterschied zwischen dem subjectiven Antheil, den wir, und dem objectiven, den die Dinge am Zustandekommen derselben haben, — eine Frage, welche Plato unter dem Einfluss der Sophisten noch tiefer als Aristoteles erfasst und behandelt hat. Dieses Problem schwindet, abgesehen von vereinzelten Aeusserungen und der gelegentlichen Erwähnung der Mutakallim, die dasselbe streifen, fast gänzlich aus der Psychologie der jüdischen Religionsphilosophen und wird direct gar nicht behandelt, — ein Umstand, der für die ganze Richtung charakteristisch ist. Dafür werden andere Probleme bevorzugt, und einzelne Theile der Psychologie mit Vorliebe behandelt und weiter ausgebildet. Besondere Beachtung erfährt z. B. die Lehre von den inneren Sinnen, die nicht nur bei den Scholastikern, sondern auch bei den jüdischen Religionsphilosophen eine grosse Rolle spielt und noch immer nicht genügend erhellt ist. Ueber ihren Ursprung, sowie über die Bedeutung der einzelnen Sinnesvermögen und ihr Verhältniss zu einander fehlt es noch immer an Klarheit. Plötzlich tritt uns in diesem Bereiche ein bis in die kleinsten Details ausgebildetes und weitverzweigtes System entgegen, ohne dass man recht weiss, wer der eigentliche Urheber desselben ist. Wir stehen vor der Frage: Mit welchen der von Aristoteles genannten Seelenkräfte sind die später als innere Sinne bezeichneten Yermögen zu identificiren? Darüber, sowie über den Ursprung und die Entwickelung der ganzen Lehre herrscht noch völliges Dunkel. Ebenso schwierig und wenig aufgehellt ist die Lehre vom leidenden und thätigen Intellekt. In *der Psychologie der arabischen Aristoteliker und der jüdischen Religionsphilosophen nimmt auch diese Lehre einen breiten Raum ein und wird sehr eingehend erörtert. Die verschiedenen Auffassungen hinsichtlich dieser beiden wichtigen Begriffe, die das Mittelalter von Aristoteles übernommen hat, beanspruchen daher eine ausführliche Erörterung.