Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1898
- Date
- 1898-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Vorwort. Selbständige Systeme der Psychologie haben die jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters nicht entwickelt. Es waren vielmehr gemeinhin nur die Anschauungen des griechischen Alterthums, an die sie sich hauptsächlich angelehnt haben. Nichtsdestoweniger ist es in hohem Grade lehrreich, den Entwickelungsgang zu betrachten, welchen die Psychologie bei ihnen genommen hat, um einen Einblick zu gewinnen in die Art und Weise, wie sie die überlieferten Anschauungen aufgefasst und ihrem sonstigen Standpunkte accomodirt, und namentlich, wie sie dieselben mit den Lehren der Schrift und den gelegentlichen Aussprüchen über die Seele, welche im späteren jüdischen Schriftthum Vorkommen, in Einklang zu bringen gesucht haben. Freilich war die Ausgleichung zumeist eine einseitige und das Verfahren auf dem Gebiete der Psychologie ein gleiches wie auf andern Gebieten. Die Aussagen der Schrift und die im Talmud und Midrasch vorgetragenen Lehren mussten sich nämlich eine Ausgleichung gefallen lassen, welche den Anschauungen der griechischen Philosophie entsprach, weil man den entgegengesetzten Weg nicht einschlagen konnte, eine Uebereinstimmung aber von vornherein als selbstverständlich voraussetzte. So lohnend daher auch eine ähnliche Bearbeitung der psychologischen Anschauungen in Talmud und Midrasch, wie eine solche für die Bibel von Delitzsch in seinem ״System der biblischen Psychologie“ vorhanden ist, an sich wäre, so entbehrlich ist sie doch im Rahmen unserer Aufgabe, und zwar aus dem Grunde, weil der Einfluss von Schrift und Tradition auf die Entwickelung der Psychologie im jüdischen Mittelalter in Wirklichkeit nur ein geringer gewesen ist, indem man eben an die psychologischen Probleme nicht voraussetzungslos, sondern vielmehr mit dem fertigen Massstab der griechischen Philosophie in der Hand herangetreten ist. Trotz alledem darf man die Leistungen der jüdischen Religionsphilosophen nicht unterschätzen. Sie sind nämlich nicht blos darum von Werth, weil wir durch 1