Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1897
- Date
- 1897-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
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77 losen das Verderben. Nicht einmal der Versuch wurde gemacht, ihnen ein Verbrechen aufzubürden. Der Entschluss, sich ihrer zu entledigen, scheint beim Rath schon lange reif gewesen zu sein. Nur wartete er noch auf eine geeignete Gelegenheit zur Ausführung seines Unternehmens. Als nun die Nachricht von den Gräueln eintraf, die am Ostertage 1389 (18. April) an den Prager Juden wegen angeb־ licher Beleidigung eines Priesters verübt worden waren1), glaubte er mit Recht, dass jetzt in Prag eine seinen Plänen günstige Stimmung herrschen werde. Sofort machte sich auch der Bürgermeister in Begleitung des Stadtschreibers, eines Rathsherm und einiger Abgeordneter der Ritterschaft auf die Reise nach der Residenz, und schon am 30. April begnadigte Herzog Johann Ritterschaft und Bürgerschaft von Görlitz, nachdem sie ihm angeblich die grossen Schäden nachgewiesen, die sie von seinen Juden in diesem Lande wirklich gehabt, mit dem Vorrecht, dass von nun an kein Jude noch Jüdin in seinem Lande und seiner Stadt Görlitz ansässig sein noch Wohnung haben solle2). Selbstverständlich vergass er nicht, gleichzeitig eine Commission einzusetzen, um die Güter der Juden in Empfang zu nehmen. Mit hellem Jubel nahmen die Görlitzer die Nachricht vom Erfolge ihrer Boten auf. Schleunigst schickten sie Wagen mit Bier nach Prag an den Herzog und die Herzogin ״pro honore“, bald darauf auch Geldgeschenke an den Kanzler, den Landvogt und andere Beamte, ״wegen verschiedener Förderungen“. Die Juden, denen während des ganzen langwierigen Verfahrens keine einzige Frevelthat nachgewiesen worden ist, wurden jetzt sofort in Haft genommen. Ihr Hab und Gut liess der Herzog mit Beschlag belegen. In ihrer Noth schickten die Geängstigten Boten an die Herzogin Agnes, mit der Bitte, sich ihrer zu erbarmen, und an den Herzog Johann mit der Beschwerde ״über die ihnen angethane Gewalt“. Alles vergeblich. Der Rath sandte auch seinerseits Boten über Boten ״propter judeos“ nach Schweidnitz und verstand es, die Herzogin an jedem ernsten Schritte zu verhindern.3) Herzog Johann aber stellte als Antwort auf die Beschwerde der Juden am 30. August 1389 eine neue Urkunde aus, durch welche er der Stadt Görlitz erlaubte, ״da, wo etwa die Synagoge und Judenschule gewest ist, in der Langegasse daselbst aus derselben eine Kapelle zu errichten und zu bauen zu 1) Seheltz, a. a. 0., S. 19. Graetz V1L13, S. 50. 2) Oberl. Urk.-Verz. I, 127, No. 628. Knothe, S. 62. 3) Das gesammte Detail Knothe a. a. O., S. 60 f.