Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
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schuldete1). Herzog Boleslaus III. von Liegnitz (I. 45) war sogar einem einzigen Schweidnitzer Juden in jenen Tagen 8000 Mark, d. h. etwa 736000 Mk. nach unserem Gelde, schuldig, und sein Vetter Bernhard v. Schweidnitz (IV, 2) übernahm die Bürgschaft für diese ungeheuere Schuld erst dann, als der Liegnitzer Herzog ihm Nimptsch nebst seinem ganzen Gebiete verpfändet hatte2). Allein ob viele oder wenige reiche Juden unter ihnen lebten, fiel nicht in’s Gewicht der Thatsache gegenüber, dass im Durchschnitt alle vor Noth und Elend gesichert waren. Der gemeine Mann, der im Schweisse seines Angesichts die Zinsen, die er ihnen schuldete, verdienen musste, hatte kein Verständniss für die nicht zu unterschätzenden schweren wirtschaftlichen Sorgen, mit denen der Kapitalist jener Tage Angesichts der Mangelhaftigkeit der Rechtspflege und der Unsicherheit der Verkehrsverhältnisse zu kämpfen hatte. Ihn erfüllte es vielmehr mit tiefer Erbitterung, dass er neben sich Miteinwohner sah, die, frei von der Last persönlicher Dienstleistungen für die Vaterstadt und unbekümmert um das Wohl und Wehe derselben, selbst in Zeiten wirthschaftliehen Niederganges nicht ganz so tief wie er selbst in Verarmung und Verschuldung zu sinken brauchten. Kam dann Krieg, Krankheit, Misswachs ins Land und mahnte der Jude, der doch auch leben wollte, sein Geld ein, so brach mit eiementarer Gewalt das Verhängniss über die verhassten Fremdlinge herein. So ging es 1319 in Breslau, als seit drei Jahren eine Hungersnoth herrschte, wie seit Menschengedenken eine entsetzlichere nicht stattgefunden haben sollte3). Man trieb *) Dass die Juden selbst im ״finstersten“ Mittelalter sich derselben Eigennamen wie ihre christl. Zeitgenossen, ohne dass jemand daran Anstoss genommen hätte, bedient haben, hat bereits Zunz, z. Gesch, S. 17411. Ges. Schriften II, 73 ff. vor mehr als fünfzig Jahren bewiesen. 2) Henr. Pauper, S. 48. 49. 50. 55. Stenzei SS. I, 128 ad annum 1323. Oelsner, Schles. Juden, S. 15. 3) Anno domini 1317 et 18 et 19 tanta fuit caristia et fames in Polonia et Silesia, ita quod pluribus in locis parentes filios et filii parentes necantes devoraverunt, plures etiam carnes de suspensis cadaveribus comederunt; multi etiam fame mortui, aliqui etiam post famem cibo salvati et recreati suffocati sunt, prout accidisse dicitur in Sagano, Freystadt, Kothwitz inter Saganum et Freystadt et aliis pluribus locis. (Sigism. Rosicz, gesta diversa, SS. rer. Siles. XII, 38.) Pol. I, 98 erzählt von der Hungersnoth unterm Jahre 1316.