Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1896
- Date
- 1896-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2720904-2720979--12-2724534- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9 Pflanzstätten deutscher Sprache, deutscher Sitte und deutschen Rechtes. Gleichzeitig mit den Ackerbürgern Hessen sich in der Regel deutsche Handwerker in den Städten nieder, zu denen sich bald der unternehmungslustige Kaufmann gesellte. Neue Land- Strassen durchschnitten das Land. Auf ihnen erwachte Handel und Verkehr, und mit dem allmähhchen Uebergang von der Naturalzur Geldwirthschaft wuchs in immer gesteigertem Masse das Bedürfniss nach gemünztem Edelmetall. Da die Kirche ihren Gläubigen bei schwerster Busse jeden Kapitalnutzen streng untersagte1), wurden die Juden auch in Schlesien ganz von selbst ein wichtiges und unentbehrliches Element im wirtschaftlichen Leben jener Tage. Ohne ihr Zuthun wurde der gesammte Geldhandel ihr Monopol und ihr Verhängniss. Verhängnissvoll war er in erster Linie nicht einmal durch die Höhe des Nutzens, der ihnen nach Brauch und Gesetz zugesichert wurde2), und zwar darum nicht, weil der Zinsfuss bekannthch von ganz bestimmten, unabänderlichen, wirtschaftlichen Gesetzen abhängig ist, deren Zwang der Einzelne sich keineswegs ungestraft entziehen kann. Ein gefährlicher Fallstrick wurde er vielmehr dadurch für sie, dass einerseits der auch heute noch im politischen Leben agitatorisch ausgebeutete Aberglaube von dem mühelosen Gewinn des Geldgebers in den weitesten Kreisen verbreitet war, und dass andererseits die Mehrzahl der Mitbürger diesem für die öffenthche Wohlfahrt unentbehrlichen Nahrungszweig von Anfang an den Makel des Unerlaubten und darum UnehrBchen anhefteten. Dazu kam endlich das weitere grosse Unglück, dass der Geldhandel zugleich der einzige ihnen zugängliche und gestattete Nahrungszweig3) wurde. Denn die Freude am Grundbesitz wurde ihnen verleidet, und die neu entstehenden Innungen und Gilden schlossen sich von vornherein grundsätzlich gegen sie ab. Trotzdem wuchsen allmählich die jüdischen Gemeinden, und zwar ohne Zweifel vornehmlich durch Zuzug aus dem deutschen Reich. Die den grausamen Verfolgungen in der alten Heimath entronnenen Flüchtlinge waren glücklich, eine für den Augenblick Striegau (1242), Landshut und Leubus (1249), Brieg und Wansen (1250)* Liegnitz und Hundsfeld (1252), Trachenherg und Glogau (1253), Beuthen Ö/S. (1254), Oels (1255), Konstadt (1261), Glogau (1263) und Bernstadt (1266). (Grünhagen, Gesch. Schlesiens I, 58, 86).!) Ygl. die Ausführungen Stobbe’s, S. 105 f., 233. 2) Stobbe, S. 110. 231 f. 8) Stobbe, S. 104 f.