Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1886
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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31 alle sonstigen Schwierigkeiten und Widersprüche, in welche die bisher giltige Meinung uns verwickelt hat. Wir bedürfen nicht mehr gewagter und gewaltsamer Interpretationen, um, gestützt lediglich auf die Angaben eines unwahrhaften Geschichtschreibers, in die Fragmente der Xenophaneischen Schriften eine Lehre hineinzudeuten, der ihr einfacher Sinn und die Berichte aller glaubwürdigen alten Berichterstatter durchaus widersprechen. Wir werden nicht gezwungen, Xenophanes aus der Continuität geschichtlicher Entwickelung heraustreten zu lassen, indem wir ihm eine Lehre zuschreiben, zu welcher bei seinen Vorgängern kaum ein dürftiger Keim sich findet und zu der die höchsten Vertreter der griechischen Philosophie, Sokrates, Platon und Aristoteles, sich zu erheben nicht vermocht haben. Erklärlich wird jetzt, wie man Anaxagoras, der nie mit der Entschiedenheit eines Xenophanes gegen den Volksglauben aufgetreten sein kann, wegen Gottlosigkeit verklagte und verschrie, Xenophanes selbst aber, der mit leidenschaftlicher Erbitterung die Verkehrtheiten des Volksglaubens geisselte, ruhig seines Weges ziehen liess. Er hat eben, den frömmsten, edelsten Dichtem Griechenlands gleich, für die Läuterung des Götterglaubens, für die Erhebung der Gemüther zu dem Begriffe einer über alle Vergänglichkeit erhabenen, ewigen, sittlichen Gottheit geeifert, die Vielheit der Götterwesen auf eine dem Universum einwohnende Urkraft zurückgeführt, die Existenz einer Mehrheit von Göttern aber nie geleugnet. Eine Frage scheint noch beantwortet werden zu müssen, ehe das gewonnene Ergebniss als ein gesichertes angesehen werden darf. Wie war es möglich, dass die in dieser Abhandlung bekämpfte Ansicht so lange Zeit in unbestrittener Geltung stehen konnte, der doch, wie zu erweisen versucht worden ist, jede Grundläge fehlt? Die Geschichte der Xenophaneischen Lehren giebt hierauf befriedigende Antwort. Der griechischen Welt waren die Schriften des Xenophanes in früher Zeit abhanden gekommen. Mehr als Ein um historische Treue besorgter Schriftsteller klagt darüber, dass er dieselben nicht zu Gesichte bekommen habe (s. Karsten Xenoph. rel. p. 26). Unter diesen Umständen ist es begreiflich, dass eine sehr ausführliche, aber unzuverlässige Darstellung der eleatischen Lehre an die Stelle der dürftigen authentischen Documente trat: die Schrift De Melisso, Xenophane et Gorgia, Der leichtfertige Verfasser derselben, der ebenfalls