Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1886
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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27 Princip der Ioner und Pythagoreer bot dem Dichter die religiöse Ueberlieferung seines Volkes, wie denn seine Fragmente und nicht am wenigsten seine Polemik gegen die falsche Religion des Volkes ein entschieden religiöses Interesse bekunden. Der Götterglaube des alten Griechenvolkes ist eine Verehrung göttlicher Kräfte, wie sie in der Natur walten und besonders in den überwältigend grossen Erscheinungen am Himmel und auf Erden hervortreten. Die Götter sind den griechischen Dichtern Wesen von Übermenschlicher Gewalt, deren bewusstes Wirken Ursache alles dessen ist, was sich unseren Augen darbietet. Die phantastische Ausmalung der Göttergestalten, die allmählich immer mehr menschliche Züge angenommen hatten, wies Xenophanes mit Spott und Hohn zurück; den tieferen Gedanken, der dem mythischen Denken zu Grunde liegt, ergriff er und bildete ihn in der Richtung weiter, die tiefblickende Dichter und Denker vor ihm längst eingeschlagen hatten. Die alte Homerische Lehre von einem allmächtigen Vater und König der Götter und Menschen, die Anschauung der Orphiker, die um die Zeit des Xenophanes in Zeus die Einheit aller Göttervielheit erkannten, verband er mit der Theorie Anaximanders, des grössten unter den älteren ionischen Philosophen, derzufolge ein unbestimmbares, unendliches, zugleich stoffliches und vernunftbegabtes Sein Princip der Welt ist, und mit der altpythagoreischen Weisheit, die den vernünftigen Zusammenhang der Dinge erkannt und im Begriffe des xöajiog ausgesprochen hatte. Die Vereinigung dieser Gedanken liegt in den Ueberbleibseln der Xenophaneischen Dichtungen36 und in den bestbeglaubigten Berichten der Alten uns vor. Das Universum, so lehrt Xenophanes, ist durchwaltet von einer unendlichen Macht, der höchsten, sittlich vollkommenen, ewigen Gottheit, die zugleich geistiger und materieller Art, überall sich selber gleich, in Allem lebt, in Allem wirkt, Alles beherrscht. Auf die Gottheit führt uns der Blick, wohin wir uns auch wenden; in ihre Einheit löst sich Alles auf; denn wo Bewegung und Wirkung, Ordnung und Denken ist, da ist die Gottheit. So ist das Universum Eines (Sv tö uav), weil eine ihr innewohnende einheitliche, göttliche Kraft ihre Vielheit zur Einheit bindet. Die Gottheit ist also nicht Wesen der Dinge, sondern die ihnen immanente intelligente Ursache; die Dinge sind nicht Erscheinungen der Gottheit, sondern ihre Wirkungen.