Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1886
- Date
- 1886-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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6 der Götter treulich festgehalten, in späteren uns unbekannten nichtphilosophischen Schriften aber die unerhörte Lehre von der Einzigkeit der Gottheit vorgetragen. Diese Annahme wird auch durch Erwägung eines von Kern übersehenen Umstandes ausgeschlossen. Von nichtphilosophischen Schriften des Xenophanes sind uns nicht unbeträchtliche Bruchstücke erhalten. Hat eine derselben jene den Polytheismus aufs tiefste erschütternde Lehre enthalten, so würde man irgend eine Spur derselben hier wiederzufinden erwarten dürfen; nirgends aber erblicken wir die geringste Andeutung derselben. Im Gegentheil wird, wie später erörtert werden soll, in verschiedenen Fragmenten derselbe Glaube an die Vielheit der Götter ausgesprochen, dem einer unbefangenen Auffassung und Kerns eigener Meinung zufolge auch das erste Fragment Ausdruck giebt. Mit vollem Rechte weist also Zeller die Ansicht Kerns zurück, welche die Fragmente des Xenophanes verschiedenen Phasen seiner philosophischen Entwickelung und das erste wichtige Bruchstück der frühesten, polytheistischen Periode zuweisen möchte3. Andere Versuche, den Monotheismus des Xenophanes mit dem Inhalte der Fragmente zu vereinigen, sind schon vor Kern unternommen worden. Brandis (Comm. Eleat. p. 34) erklärt, Xenophanes habe zwar die Einzigkeit Gottes erkannt, diese Lehre aber, als den Anschauungen des Volkes gar zu sehr widersprechend, in seinen Gedichten zu äussern nicht gewagt. — Karsten dagegen meint, (Xenoph. carm. rel. p. 114) Xenophanes habe von der Gottheit in der Mehrzahl gesprochen, weil es im Griechischen doch nun einmal kein eigenes Wort zur Bezeichnung der Einen höchsten Gottheit gebe. — Zeller hält diese wunderlichen Ansichten nicht einmal der Erwähnung für würdig. In der That sind sie gänzlich unhaltbar. Dass Xenophapes kühn genug war, was er lehrte, auch auszusprechen, zeigen die Fragmente mit nicht zu verkennender Deutlichkeit. Und dass er, obgleich Monotheist, von ־9־eot spreche, weil 9׳-eös ja auch von den menschenähnlichen Göttern gebraucht werde, heisst ihm Zutrauen, dass er Falsches gelehrt habe, weil er das Richtige nicht mit absoluter Genauigkeit ausdrücken konnte. Demgemäss dürfte der wahre Philosoph überhaupt nicht in Worten seine Gedanken äussern, ja nicht einmal in Worten denken; denn eine vollkommene Gongruenz zwischen Worten und Begriffen ist freilich unerreichbar.