Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1884
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
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II wieder betrete; es steht vor meinen Augen die hohe Gestalt des Mannes, der als der geistige Schöpfer dieser Anstalt anzusehen wäre, der es kraft seiner inneren Religiosität und seines wissenschaftlichen Strebens, kraft seiner glühenden Liebe für unseren heiligen Glauben, für die Ueberlieferungen unserer Väter und seines nüchternen, offenen Sinnes für die Anforderungen, die Bedürfnisse der Gegenwart es versucht und vermocht hat, die Kluft zwischen der alten und neuen Zeit, wenn auch nicht gerade auszufüllen, so doch immerhin zu überbrücken, zwischen unserer angestammten Religion und den modernen Bestrebungen, wie im eigenen Innern so auch im Geiste seiner zahlreichen Schüler — die er um sich zu schaaren wusste, die ihm in treuer, ehrerbietiger Anhänglichkeit ergeben waren und die er selbst als seine ״geistigen Kinder“ liebte — eine Versöhnung herbeizuführen. Ich blicke gleichsam in das milde, liebe־ volle Auge meines Meisters, der mir so theuer war, und dem ich selbst nicht fern stand, und höre ihn fragen, ob ich denn auch in seinem Sinne, seinem Geiste hier zu lehren, zu wirken beabsichtige? Auf diese Frage, die möglicher Weise Mehrere in unserer Mitte, namentlich Sie, hochgeehrte Herren Curatoren, an mich richten möchten, kann ich kurz die Antwort ertheilen, dass ich wohl, wenn auch nicht in gleicher Weise, so doch immer in möglich gleichem Geiste, gleicher Gesinnung hier zu lehren gedenke, und dies nicht etwa nur aus Rücksichtnahme auf die Pietät gegen meinen verewigten Lehrer und die Intentionen dieser Anstalt, sondern in Angemessenheit meiner eigenen Gesinnung, deswegen weil ich nicht anders kann. Musste ich doch bisher während meiner elfjährigen Thätigkeit an einer anderen Anstalt, die sich, die Wissenschaft des Judenthums zu fördern und zu verbreiten, die Aufgabe gestellt, in demselben Sinne lehren. Sie waren, meine Herren Curatoren, stets bestrebt, die Richtung, die namentlich mein unvergesslicher Meister dieser Anstalt vorgezeichnet, inne zu halten, was Sie gelegentlich unumwunden äusserten und auch bei der Wahl meiner Vorgänger, jener biederen und ehrenwerthen Männer, des Director Dr. L. Lazarus und des Seminar-Rabbiners Dr. D. Joel sei. Angedenkens, an den Tag legten, und haben Sie nunmehr mich des Vertrauens gewürdigt, den Lehrstuhl für Talmud mir zu übertragen, so darf ich annehmen, dass es mir, soweit es dem Charakter dieser Anstalt entspricht, anheimgegeben sei, nach meinem besten Ermessen, nach der Art, wie ich eben den Talmud und dessen! Literatur auffasse und behandle, hier zu lehren, ohne mich veranlasst zu sehen, diese Lehrmethode näher zu kennzeichnen, oder ein Programm für mein künftiges Verhalten zu entwerfen. Aus dem Verhalten eines Menschen ergiebt sich sein Programm, nicht aber aus seinem Pro“ gramm sein Verhalten, aus der Auffassung und Darstellungsweise im Einzelnen ergiebt sich die Methode, nicht aber umgekehrt aus der Methode die Art der Auffassung und Darlegung. — Wenn aber auch mein Streben nach der Richtung hin, die dieses Seminar verfolgt, gelenkt sein mag, bin ich schon deswegen berechtigt und würdig ein Lehreramt, dessen einst ein Frankel waltete, zu bekleiden? Reichen meine Kräfte, Fähigheit und Kenntnisse hin, den :hohen Anforderungen, die diese Anstalt an mich stellt, nur irgend wie zu genügen? Darf ich etwa in Verbindung mit meinen Collegen die Verantwortung dafür übernehmen, dass die Studirenden an dieser Anstalt für ihren künftigen, so heiligen Beruf in wissenschaftlicher, moralischer und religiöser Beziehung genügend vorbereitet würden? Und ist diese Verantwortung nicht um so schwerer, als es, wie es mich dünkt, gerade in unserer Zeit noth thut, dass Rabbiner herangebildet werden, die unbekümmert um Parteistreitigkeiten und die jedesmalige religiöse Strömung m den