Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1884
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2720904-2720945--03-2723786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Renans ist, so entbehrt sie doch, weil nur auf eine geringe Zahl von Zeugnissen gestutzt, derjenigen überzeugenden Gewissheit, welche für die Constatirung historischer Thatsachen von der strengen Geschichtswissenschaft gefordert wird. Indessen das hat Renan zur Evidenz aus dem htsorischen Material erwiesen, dass in der römischen Kaiserzeit ein förmlicher Zulauf von europäischen Heiden zum Judenthum stattgefunden hat. Ich gedenke im Folgenden dasselbe Thema zu behandeln, aber nicht blos desswegen, um neue, von Renan und seinen Vorgangem nicht benutzte Zeugnisse dafür heranzuziehen, auch nicht um die Frage zur Entscheidung zu bringen, ob die jetzigen Juden eine reine oder gemischte Race ausmachen, und noch weniger um in die leidenschaftliche antisemitische Agitation einzugreifen, sondern um in rein historisch-wissenschaftlichem Interesse zwei Punkte zu beleuchten, welche bisher bei Behandlung dieses Themas nicht scharf genug in’s Auge gefasst wurden. Zuvörderst soll durch Belege die gewiss erstaunliche Thatsache constatirt werden, dass das Judenthum gerade im Unglück seiner Bekenner die Anziehungskraft aut römische Patricier in hohem Maasse ausgeübt hat, ein Umstand, welchen die bisherige Behandlung dieses Themas ausser Acht gelassen hat. Dieselben Belege sollen dann eine andere, nicht minder übergangene Thatsache in’s Licht setzen, dass die autoritative jüdische Behörde sich ernstlich gesetzgeberisch mit dem Zutritt der Heiden zur jüdischen Lebensgemeinschaft beschäftigt hat, was nebenher auch den ersten Punkt bestätigt, dass dieser Zutritt in nicht geringer Sphäre erfolgt ist. Die Beleuchtung dieser zwei Thesen überzeugt von selbst eindringlich, dass das Urtheil moderner Geschichtsschreiber, welches sie auf Grund einzelner hingeworfenen übelwollenden Aeusserungen von römischen Satirikern fällen, als wenn Juden und Judenthum in der römischen Welt durchweg eben so verächtlich angesehen worden wären, wie eine Zeit lang in der christlichen Welt, falsch ist. Die Untersuchung wird das Gegentheil als historische Wahrheit ergeben. Das Judenthum stand bei einem Theil der römischen Nobilität so hoch im Ansehen, dass er nicht blos ein warmes Interesse daran bekundet, sondern theilweise sich seiner anerzogenen Lebensweise entäussert und jüdische Institutionen sich zur Norm genommen hat.