Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1884
- Date
- 1884-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2720904-2720945--02-2723785- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
(Gewiss, der jüdische Proselytismus ist kein unbekanntes Thema, das erst historisch aus unbenutzten Quellen eruirt werden müsste. Die Thatsache, dass zu verschiedenen Zeiten das Juden« thum eine so intensive Anziehungskraft auf Heiden oder richtiger Polytheisten ausgeübt hat, dass diese ihre religiöse Denkweise und ihren Cultus mit der aus Judäa stammenden Religion vertauscht haben, ist so frappant, dass Encyklopädien und Handbücher der christlichen Theologie, wie exclusiv auch der Standpunkt ihrer Verfasser ist, davon, öfter mit sauer - süsser Miene, sprechen müssen. Ja, eine erst in jüngster Zeit neu angebaute Disciplin, die Propädeutik zur Theologie oder zur Kirchengeschichte, als ״neutestamentliche Zeitgeschichte“ eingeführt, gesteht ein, dass dieses Factum, die ausserordentliche Zuneigung in der Heidenwelt zum Judenthum, die erste Bodenbereitung war, vermöge welcher die Aussaat und Fruchtbarkeit des Christenthums erst möglich geworden sind. Im Laufe vorigen Jahres (Mai 1883) hat der französische Historiker des UrChristenthums Ernst Renan, das jüdische Proselytenthum zum Gegenstände einer oratorisch bedeutenden und mit vielem Beifall aufgenommenen Vorlesung gemacht, um eine ethnographische Frage daran zu knüpfen. Er folgerte aus historischen Zeugnissen, dass Römer und Gallier, überhaupt Völkerschaften arischer Abstammung sich zahl, reich dem Judenthum angeschlossen haben, dass also die gegenwärtig lebenden Juden keineswegs als reine Semiten gelten können, sondern dass ihr Blut vielfach mit arischem versetzt sei, und wollte damit der Tollwuth des Antisemitismus’ wissenschaftlich entgegenwirken. So bemerkenswerth auch diese Untersuchung ist, die eigentlich eine freimüthige und anerkennenswerthe Palinodie von Seiten 1