Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1883
- Date
- 1883-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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20 Es hat dieses Thema auch verschiedene Erklärer gefunden, die eine vermittelnde Richtung einschlugen. R. Bachia ben identisch ist oder nicht (ושמא אגדות הם שחלוקות זו על זו), SO beruht das auf einer falschen Voraussetzung. Denn die Beweise von der Identität hat R. Tarn nur aus Pintstücken geholt, wo es heisst: שר המשרת נער נקרא, הוא מטטרון הנכבד והנורא und in einem anderen: תקיף מטטרון השר ,הנהפך לאש מבשר. Aber diese liturgischen Verse reflectiren keineswegs die talmudische Ansicht, sondern eben das Henochstück, dessen Zeitalter erst zu fixiren ist.*4 Es ist aber zu erwägen, dass R. Tarn an der Metamorphose Henochs in einen Engel, der dann den Namen Metatron erhielt, nichts Anstössiges findet, nur hält er es dann für selbstverständlich, dass Metatron nicht zu den Engeln gehört, die seit der Schöpfung existiren, da ja Henoch erst viel später lebte, und findet das unvereinbar mit der vulgären Annahme, dass מטטרון der שר העולם sei, von dem der Talmud (Chullin 60a) berichtet, er habe schon in den ersten Schöpfungstagen das Lob Gottes verkündet. (Für die unjüdische Anschauung einiger späteren Kabbalisten, dass auch ein ursprünglicher Engel Fleisch geworden und als Mensch gelebt, hat R. Tarn aus seinem jüdischen Bewusstsein heraus gar kein Verständniss, denn sonst hätte er freilich seine ihm so schwierig scheinende Frage leicht lösen können.) Die eigentliche Frage des R. Tarn geht nun dahin. Der liturgische Dichter (פייימן), der den Vers geschrieben תקיף מטטרון השר, הנהפך לאש מבשר, hat den diesem Verse zu Grunde liegenden Gedanken von der Metamorphose des Henoch in einem Engel sicherlich nicht erfunden, sondern aus einer älteren (wenn auch nicht gerade talmudischen) Agada geschöpft. Und in der That lag dem פייטן wenn nicht vielleicht eine uns heute unbekannte Hagada, doch gewiss die Stelle im sogenannten Targum Jonathan vor, die ausdrücklich von dieser Metamorphose spricht וקרא שמי' מטטרון ספרא רבא (selbst zugegeben, dsss das Targum diese Idee aus dem Henoclibuclie geschöpft haben mag, so ist sie schon durch deren Aufnahme in das Targum für das ganze Mittelalter zum Werthe einer Agada erhoben). Es entsteht nun die Frage: Wie konnte der פייטן an einer andern Stelle von מטטרון unter der Bezeichnung נער sprechen, was doch offenbar nach Chullin 60 a eine Anspielung auf den שר העולם ist, während מטטרון in den SchÖpfimgstagen noch nicht existirt haben konnte. Diese Schwierigkeit sucht R. Tarn auf eine zweifache Weise zu lösen: 1) die vulgäre Annahme, Metatron sei der שר העולם, sei vielleicht trotz ihrer Verbreitung eine unrichtige und der Dichter denke mit seiner Bezeichnung נער gar nicht an den שר העולם, sondern an einen dem Metatron nach Pesikta unter Helen anderen gebührenden Namen. 2) Der Dichter habe vielleicht differirende Agadot vor Augen gehabt, denn in der That lehre Genes. Rabba, dass Henoch einfach gestorben sei, ebenso übersetze Onkelos ,ארי אמית יתי' ד, und selbst Der ach Erez sutta spreche nur von seinem wundervollen Eingehen ins Paradies, nicht von seiner Identität mit Metatron. Nach dieser Auffassung könne also Metatron recht gut der שר העולם sein, da er ja nicht Henoch ist; der liturgische Dichter hatte demnach in einer nicht ungewöhnlichen poetischen Licenz in dem einen Verse die eine, in dem anderen eine abweichende Agada benutzt. Soweit also ist der Gedankengang des R. Tarn genügend erklärt. Das Eine aber ist klar, sowohl nach Graetz als auch nach meiner Auffassung, dass, wenn R. Tarn eine Ahnung davon gehabt hätte, diese ganze Identitätsidee könnte aus einer nicht-jüdischen Quelle stammen, er wohl diese ganze Frage anders behandelt haben würde.