Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 122)
- Language
- German
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III so oft derselbe seine Vorlesung־ hielt, als wenn es zum ersten Male im Leben wäre, dass er dieses Thema behandelte, es schien uns, als ob wir die genetische Entwickelung seines Ideenganges beobachten könnten, mit einem Worte, der Ausspruch unserer Alten: בכל יום יחיו בעיניך הרשים ward hier fast im buchstäblichen Sinne genommen, der Reiz der Neuheit wirkte mächtig und wir glaubten die Operation des Nachdenkens und Erwägens mit unserem Lehrer mitzumachen, und wenn das Thema uns dann inhaltlich klar ward, dann empfanden wir die Freude, von der der Weise spricht: «Klare Einsicht erfreut das Herz» (Sprüche 15, 30) und es ging uns ein Verständniss auf für das Wort der Alten: «Es erschienen die Worte der Lehre selbst freudig, wie am Tage, da sie auf Sinai gegeben worden» (והיו הדברים שמחים כנתינתם מסיגי Jeruschalmi Chagiga Cap. 2). Bemerkenswerth ist, dass auch in den Nachmittagsstunden, an welchen der Rabbi mit seinen eigenen Söhnen das schon so gründlich durchgenommene Vormittagspensum wiederholte und woran theilzunehmen mir ebenfalls die hohe Vergünstigung ward, dasselbe Verfahren von Neuem zu Tage trat; so gelassen, so ohne alle Ueberhastung und Ueberstürzung ging er zu Werke. 2. Der zweite Punkt ist folgender: Nächst Raschi und Tosafot waren ihm die Commentatoren aus der jüdisch-spanischen Literaturperiode, die wir gewöhnlich mit dem Namen «Rischonim» zu bezeichnen pflegen (z. B. ר״ן, רשב״א und dgl.), die theuersten und wichtigsten, weniger die Epigonen, die wir «Acharonim» nennen. Freilich konnte er dieselben in Bezug auf die rituelle Praxis und Casuistik nicht umgehen; doch erinnere ich mich noch einer schriftlichen Antwort, die er meinem seligen Vater gab, als dieser ihn auf einige Widersprüche und sonstige Schwierigkeiten in gewissen Acharonim aufmerksam machte, sie lautete: «Sie scheinen Recht zu haben, ich sage: Sie scheinen, denn ich gestehe Ihnen offen, ich beschäftige mich mit Acharonim nur in so weit sie mir klar sind; soll ich erst Räthsel lösen, so ist es schade um die Zeit, die dazu gehört und die dem Erforschen und Ergründen der Rischonim entzogen werden müsste בי די לנו לעמוד על דברי הראשונים על כל קוץ וקרן שמהם תצא חורה).» 3• Ein dritter Punkt ist der. Eingedenk des Ausspruches ׳ומתלמידי יותר מכלם hatte der Rabbi es nicht ungern, wenn an seine Vorlesungen kleine Disputationen sich knüpften, allein derartige, die das tiefere Eindringen in den richtigen Sinn bezweckten. m