Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2720951--076-2723561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
74 worden, auf den Kreis ihrer Familie und ihrer Glaubensgenossen, die sie mit der treuesten Anhänglichkeit und zartsinnigsten Aufmerksamkeit behandelten, wobei sie Alles vermieden, was diese unangenehm berühren oder gar betrüben konnte. Es entstand daraus im jüdischen Leben jenes Zartgefühl, das selbst in gewohnlichen und untergeordneten bürgerlichen Kreisen sich kund giebt, wie das bei vielen anderen Völkern in solchen Kreisen nicht leicht angetroffen wird. Es trifft sie also darob kein Tadel. Warum ich es aber hier dennoch erwähne und so ausführlich bespreche? Nun, weil man in allen Dingen zu weit gehen oder, wie man zu sagen pflegt, des Guten zu viel thun kann. Ebenso wie in sanitärer Hinsicht Diät und Vorsicht von Nutzen sind, allein allzugrosse Aengstlichkeit, die jedes rauhe Lüftchen scheut und jede Veränderung fürchtet, von Uebel ist, da ein Leben in beständiger Todesfurcht ein hundertfacher Tod ist, so gehen auch unter unseren Glaubensgenossen Viele in der Schonung des Gefühles des Zuhörers und im Vermeiden jedes missstimmenden Ausdruckes zu weit — namentlich wenn abergläubische Vorstellungen sich damit verbinden — und es ist dann diese Manier nicht mehr menschenwürdig1). Also auch hierin am besten die goldene Mittelstrasse. Aehnlich verhält es sich mit der Furcht vor dem bösen Auge (עין הרע)• Wir haben oben gehört, dass, wo dieser Ausdruck in der Mischna vorkommt, er nur die Bedeutung von Neid oder Missgunst hat, und man muss gestehen, dass derjenige, der sich nicht zu sehr dem Neide aussetzt — sei es durch Vermeidung eines übertriebenen Luxus oder dergl. — gewiss recht daran thut, denn neidische Menschen können ihm in der That durch Hinterlist oder Gewalt zu schaden suchen2). Aber das hat durchaus Nichts mit dem später aufgekommenen und leider noch heutzutage sehr verbreiteten Begriffe von der magischen Gewalt eines sogenannten bösen Blickes (עינא־ בישא) zu thun, der durch eine geheimnissvolle, über- נ) Ich erinnere nur daran, wie nöthig es oft wird, Jemanden auf bevorstehende unangenehme Dinge vorzubereiten, damit er von denselben nicht zu seinem Schaden überrascht werde, z. B. ihn zu einer letztwilligen Verfügung zu bestimmen, s. Jore Dea 335, 7, wo diese Pflicht nach einer Boraita in Semachot eingeschärft wird, was aber oft aus abergläubischer Scheu unterbleibt. 2) In diesem Sinne hätte vielleicht eine Bestimmung späterer Casuisten שלא 0) ,לקרא לחורה אב ובגו או שני אחים זה אחר זה במקום שקוראים בשםrachChajimi41,b.) einige Berechtigung, denn das provocirt den Neid.