Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 75)
- Language
- German
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72 poetischen Ergüsse sein Bild als verkörpert vor sich zu erblicken glaubte. Was man aber der poetischen Licenz allenfalls noch hingehen lassen mag, das ziemt der prosaischen Rede nicht1). Charakteristisch ist nun, dass an allen drei oben angeführten Stellen Abaji es war (Abaji, in dessen Ideenkreis, wie wir gesehen haben, mysteriöse Anschauungen grossen Eingang gefunden), der nicht bei der Theorie stehen blieb, sondern es ganz ernst mit der Norm machte, vor solcher Redeweise — auch bei poetischen Ergüssen nicht ausgenommen — sich stets sorgfältig zu hüten. Wenn beispielsweise ein Leichenredner der Redewendung sich bedient: «Meine leidtragenden Brüder, bedenket, es ist das der Lauf der Natur, es sind das die ewigen, von Gott eingesetzten unwandelbaren Gesetze; Viele haben (diesen Kelch) schon getrunken, Viele werden ihn noch trinken, wie es den Früheren ergangen, so wird es den Späteren ergehen; meine Brüder, der Herr des Trostes möge euch trösten, gepriesen sei Der, der die Trauernden tröstet!» (Ketubot a. a. O.); so bemerkt Abaji dazu: «Viele haben den Kelch getrunken» dürfe man wohl sagen, «Viele werden ihn noch trinken,» sage man nicht; «dass es den Früheren so ergangen,» ist zu sagen erlaubt, «dass es auch den Späteren so ergehen werde,» sage man nicht, denn «man öffne nicht seinen Mund zum Bösen.» Diese Besorgniss scheint allerdings (selbst auf mystischem Standpunkte) zu weit zu gehen, denn es wird ja in jener Rede nur der gewöhnliche Lauf der Dinge geschildert und dieser Lauf der Welt kann ja nicht geläugnet werden2), und doch kann Abaji der Besorgniss sich nicht erwehren, dass eine solche Redeweise zum Schaden ausschlagen könnte, und er hält sie selbst als poetische Redewendung für zu kühn. Wird nun zwar diese Anschauung nicht von Allen getheilt, so ist sie doch im Grossen und Ganzen auch in späteren Generationen, auf jüdisehe Leichenreden nicht nur, sonden auf jüdische Reden überhaupt x) So aufgefasst, würde R. Josefs Motiv allerdings ein natürliches sein, doch war R. Josef (wenigstens in Bezug auf Astrologie) nicht frei vom Mysticismus, da er auf eine von Chaldäern ihm gestellte Nativität grossen Werth gelegt (Berachot 64. a.). 2) Selbst wenn man nicht mit רד״ק die Worte Jesaia’s (25. 8.): «Verschwinden wird der Tod für immer» (בלע המות לנצח) dahin interpretiren will, dass nicht vom natürlichen, sondern vom gewaltsamen Tode die Rede sei, vielmehr das Wort — was auch am einfachsten ist — ganz buchstäblich nimmt: so ist das doch jedenfalls erst von der messianischen Zeit (ולעתיד לבא zu verstehen.