Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2720904-2720951--073-2723558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Amoraim 1× ep/1003430
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
71 (Berachot 19. a., 60. a, Ketubot 8. b.j Das kann ursprünglich die einfache Bedeutung gehabt haben, dass es in der Natur der meisten Menschen liegt, durch Erwähnung unangenehmer Dinge missgestimmt, wo nicht gar ernstlich betrübt zu werden, was schon an und für sich schadet. Später verband man damit die Vorstellung, dass das Aussprechen eines unangenehmen, besonders die Zukunft des menschlichen Geschickes betreffenden Wortes, eine gewisse mysteriöse Macht zu schaden habe* 1). Als Beleg aus der Bibel für den Ausspruch der Boraita, dass man seinen Mund nicht zum Bösen aufthue, führt R. Josef eine Stelle aus Jesaias an, wo dieser Prophet, nachdem er ausgesprochen: «Hätte der Herr uns nicht einen kleinen Rest gelassen, wir wären wie Sodom gewesen, hätten Amora geglichen» (Jesaias 1.9.), gleich darauf fortfährt (ibid. 10); «Höret das Wort des Herrn, ihr Fürsten Sodoms, vernehmet die Lehre unseres Gottes, Volk Amora’s!» Es war die Einleitung nur ein poetisches Bild; aber der Prophet wird davon so fortgerissen, dass er in, einer augenblicklichen Ueberwallung des Gemüthes die israelitischen Grossen wirklich als Fürsten Sodoms und das israelitische Volk als Volk Amora’s apostrophirt. Man ersieht daraus, wie leicht man sich in den Aerger und in die Aufregung hineinreden kann, wie es dem Jesaias erging, der in einem (Kidduschin 30. a.), es wäre ihm sehr zu Statten gekommen, dass er früh geheirathet hat und so ganz dem Torastudium ohne sinnliche Anfechtung obliegen konnte. «Hätte ich,» fährt er fort, «noch früher geheirathet, so würde ich dem Satan haben zurufen können: Ein Pfeil in dein Auge!» (d. i. ich bin vor jeder Versuchung geschützt, die Verführung hat keine Macht über mich! — Raschi). Als jedoch — so wird Sukka 38. a. und Menachot 62. a. erzählt — einst ein Rabbi in seiner Herzensfreude darüber, dass er sich ganz der Ausübung gewisser religiöser gottesdienstlicher Formen hingeben konnte, ausrief: די[ גירא בעינא דשיטנא «das ist ein Pfeil im Auge Satans» (Satan muss selbst zugeben, dass er hier machtlos ist. Raschi), da meinten Andere, es sei doch nicht recht gethan, also zu sprechen *דאהי לאתגרויי בי (Satan könnte seine ganze Macht einsetzen, einen solchen Mann zu verführen. — Raschi), was aber vielleicht auch dahin gedeutet werden kann, dass Jemand, der sich auf seine Frömmigkeit so viel zu Gute thut, leicht geneigt ist, auf seinen Lorbeeren auszuruhen und gegen die Sünde zu wenig auf seiner Hut zu sein. 1j Vgl. damit den Ausspruch Samuels im Namen des R. Jochanan (Moed Katon 18. a.) אמר שמואל א״ר יוחנן מנין שברית כרותה לשפתים׳ שנאמר ויאמר אברהם וכו' ואני והנער נלכה עד כה ונשתחוה ונשובה אליכם׳ ואסתייעא מילתא דהדור תרוייהו• (In Tosafot z. St. wird die Frage aufgeworfen, wie aus dieser Bibelstelle, die doch höchstens nur nach der guten Seite hin beweist, die allgemeine Regel ברית כרותה לשפתיים deducirt werden könne, da doch מרובה מרה טובה ממרת פורענות)•