Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2720904-2720951--072-2723557- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 2× ep/1002670
OCR text
70 glaubte ich Anfangs den Grund dafür, dass man die herabfallenden Brotkrumen sorgfältig aufzulesen pflegte, darin zu finden, dass man den Fussboden rein erhalten wolle1), jetzt wurde ich belehrt, dass das Liegenlassen der Brotkrumen Armuth herbeiführe2); ferner glaubte ich auch, dass man nur deshalb nicht ein Stück Kraut aus dem Gebunde esse, welches der Gärtner gebunden hat, weil das wie Gefrässigkeit aussehe (dass man nämlich nicht einmal warten könne, bis das Gebund gelöst ist, — Raschi), jetzt wurde ich belehrt: weil es bei Zauberei schädlich sei.».Ferner hatte ich geglaubt, man giesse deshalb von dem Kruge, aus dem man trinken will, ein wenig Wasser ab, weil vielleicht Strohhalme u. dgl. darauf herumschwimmen könnten; jetzt wurde ich belehrt, es geschehe wegen des «bösen Wassers» (מים הרעים) (d. h. aus Besorgniss, es könnten Dämonen davon getrunken haben — Raschi). Er führt an jener Stelle in ähnlicher Weise noch Mancherlei an; allein diese wenigen Sätze genügen, um Abaji’s Geneigtheit zu zeigen, mysteriöse Gründe selbst da zu acceptiren, wo ihm die natürlichen nicht entgangen waren3). Man fing um diese Zeit an, Alles, was ein früherer Lehrer gelegentlich einmal ausgesprochen, insofern es nur einen mystischen Anstrich hatte, in ein vollständig mysteriöses Gewand zu hüllen und ganz ernstlich zur Norm zu erheben. Führen wir Beispiele an: R. Simon ben Lakisch sagte, auch wird das in einer Boraita im Namen des R. Jose gelehrt: Der Mensch öffne niemals seinen Mund zum Bösen4). 1) משום מנקירותא; Levy (Talmud. Wörterbuch s. v.) liest מנקד ותא mit דלת, syr. von נקד Reinlichkeit. 2) Freilich kann hierbei auch ein einfacher, religiöser Grund mitgewirkt haben. Es sei eine Undankbarkeit gegen Gott, der die Speisen gegeben, dass man die kleinen Ueberreste verächtlich behandelt, die angemessene Strafe sei daher die Armuth, die ganz von selbst dazu führt, auch auf die Brodkrümchen zu achten. Allein die mystische Färbung ist unverkennbar. Man sehe, was dort noch über שלא דעני ותא gesagt wird, doch Hesse sich vielleicht auch das noch symbolisch deuten. 3) Gleichzeitig entspricht das dem schon früher von uns Behaupteten, dass viele Sitten und Gepflogenheiten ursprünglich aus ganz natürlichen und nützlichen Motiven hervorgegangen sind, deren sich später der Aberglaube bemächtigt hat. 4) WörtHch לשטן, zum Satan. Satan eine Personification des Bösen, des Uebels überhaupt. Vgl. den Ausspruch desselben Gelehrten (רשב״ל) in Baba batra 16. a.,הוא שטן הוא יצר הרע הוא מלאך המות und Maimuni's Erklärung dazu (More Nebuchim 3, 22). Damit stimmt auch, was R. Chisda von sich selbst sagt