Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2720904-2720951--065-2723550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
63 nicht, soviel steht fest, dass in der Mischna selbst dieser Dämonenfurcht keine Erwähnung geschieht. Man missverstehe mich nicht. Ich behaupte durchaus nicht, dass Dämonologie und Dämonenfurcht der Mischna eine terra incognita war, vielmehr ist es wahrscheinlich, dass der Einfluss der Chaldäer und Perser, der seit dem babylonischen Exile auf jüdische Anschauungen sich geltend gemacht hatte, bewusst oder unbewusst auch auf die Mischnalehrer seine Spuren wird zurückgelassen haben. Was ich sagen will, ist nur, dass diese Spuren nicht so erheblich sind, dass sie in der Mischna überall sichtlich hervorgetreten wären, wie das allerdings bei den meisten oder doch bei sehr vielen Lehrern der Gemara der Fall ist. Noch mehr! An einer biblischen Stelle, wo die Versuchung sehr nahe lag, eine mystische Erklärung zu geben, bei den beiden Böcken nämlich, (שני שעירים) die für den Versöhnungstag bestimmt waren, der eine ' für Adonai, der andere für Asas el, ist die Erklärung der Mischna keine mystische, Asasel ist nach ihr blos ein felsiger, steiler Berg (י(צוק von dem der Bock hinabgestürzt wird1). Aber auch von der später und noch heutzutage so verbreiteten Furcht vor dem bösen Auge (עין הרע) kommt in der Mischna noch Nichts vor. Wo עין הרע erwähnt wird, bedeutet es Neid, Missgunst und dgl., z. B. Abot 2. 11: עין הרע ויצר הרע ושנאת הבריות מוציאין את ף Auch die Lehrer der Gemara (sowohl der jerusalemischen als auch der babylonischen) weichen von dieser Erklärung nicht ab. Denn in dieser Hinsicht verstanden die Rabbinen keinen Spass. Wo es sich um die Gefahr einer Trübung des ererbten Monotheismus handelt, da wiesen sie alle fremden Einflüsse standhaft von sich ab. Und um eine solche Gefahr handelt es sich, wenn wir unter Asasel eine dem einig-einzigen Gotte feindlich entgegenstehende Macht verstehen sollten, der wir, um sie zu besänftigen, eine Art von Huldigung darzubringen hätten. Erst einer späteren Zeit, in der gewisse kabbalistische Ideen herrschend wurden, war es vorbehalten, solche Vorsicht^aus den Augen zu verlieren. Wenn jedoch ein so ausgezeichneter Denker und Gelehrter wie רמב״ן, dem עזאזל eine mystische Deutung giebt, so genügt die Erwägung, dass derselbe kabbalistische Neigungen hatte, noch nicht, um diese auffallende Erscheinung zu erklären, sondern, wie ich in Abschn. F., wo ich den Standpunkt des רמב״ן bespreche, nachzuweisen mich bemühen werde, es beruht seine Anschauung auf einem Missverständnisse. Ich bemerke hier nur kurz, dass רמב״ן die פרקי דר אליעזר für sehr alt hielt und in der einschlägigen Symbolik des wirklich alten Vajikra rabba eine verwandte Idee zu erblicken glaubte, wobei ihm aber eine Verwechselung von Symbolik und Mystik mit unterlief. Den Beweis muss ich einstweilen schuldig bleiben.