Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
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62 denke, dass Vieles, was uns jetzt als abergläubischer Gebrauch erscheint, ursprünglich eine natürliche, oft sehr nützliche Veranlassung hatte, aber im Laufe der Zeit so entstellt ward, dass die ursprüngliche Gestalt kaum noch wieder zu erkennen ist. Ich erwähne hier nur, was diesen einen Punkt betrifft, dass möglicherweise auch dem Suggot - Verbote ursprünglich ein natürliches Motiv zu Grunde lag, nämlich den Menschen daran zu gewöhnen, dass er nicht, so zu sagen, in den Tag hineinlebe, dass er die Befriedigung seiner leiblichen Bedürfnisse, wie Essen, Trinken und dergl. nicht gedankenlos und somit vielleicht unmässig verrichte, sondern immer auf sich selbst aufmerksam bleibe und dadurch nicht leicht in Völlerei verfalle. Denn wer schon zählen muss, wie viele Speisen er geniesst, wie viele Becher er trinkt u. s. w., der kann sich nicht so unbedingt gehen lassen1). Was mich auf diese Vermuthung geführt hat, das sind die Einschränkungen in der mehrerwähnten Talmudstelle selbst, in der es z. B. heisst, dass das paarweise Trinken nur dann schadet, wenn man zwischen dem einen und dem anderen Becher nicht in freier Luft gewesen, was dort mit Beispielen belegt wird, aus denen erfahrungsmässig hervorgehen soll, dass ein leichter Rausch durch die freie Luft aufgehoben wird. Ferner wird dort von Jemandem erzählt, dem das tägliche Weintrinken nicht geschadet, weil er immer auf sich aufmerksam blieb ('אזדהד בנפשי), um sich vor dem paarweisen Trinken zu hüten; eines Tages trank er aber so viel, dass ihm der Kopf nicht mehr klar blieb und das Zählen der Becher aufhörte, wobei er in der That Schaden nahm. Freilich sind die angeführten Beispiele dort mit allerlei Zaubergeschichten verquickt; allein, man braucht blos zwischen den Zeilen zu lesen, um das Mystische von dem Natürlichen abzustreifen, und darum scheint mir, dass dem Suggot - Bedenken ursprünglich eine natürliche Vorsicht zu Grunde lag, deren sich später die Magie und Dämonologie bemächtigten und auf ihre Weise ausbeuteten. Dem sei aber, wie ihm wolle, ob meine Vermuthung — denn mehr als eine Vermuthung will meine Erklärung nicht sein — richtig ist oder ג) Allerdings ist mir nicht unbekannt, dass der Wahn, die ungeraden Zahlen seien der Gottheit angenehmer, im Alterthume (z. B. bei den Römern) allgemein verbreitet war. (Vgl. Virg. Ecl. VIH, 75: numero deus impare gaudet. S. auch Levy’s Talmud. Wörterbuch s. v. אשמדאי)* Dass aber dieser Wahn so leicht überall Aufnähme fand, kann dennoch einen natürlichen Grund gehabt haben.