Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2720904-2720951--057-2723542- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
55 C. Die Mischna. Dass trotz des strengen Antagonismus der biblischen Urquellen gegen allen Aberglauben das jüdische Volk im Laufe der Zeit sich nicht von allen von Aussen eindringenden superstitiösen Anschauungen frei halten konnte, ist schon vielfach ausgesprochen worden und genugsam bekannt. Besonders als Israel im baby- Ionischen Exil in unmittelbare Berührung mit anderen Völkern kam, hatte es gar mancherlei Vorstellungen derselben in sich aufgenommen. Welch eine Fülle von ganz neuen eigenthümlichen Anschauungen muss sich beispielsweise an die aus Babylonien mitgebrachten Engelnamen1) geknüpft haben. Das jüdische Volk hat von jeher zwei einander sich zu widersprechen scheinende, in Wahrheit aber bei genauerer Beobachtung leicht ihre Erklärung findende Eigenschaften an den Tag gelegt. Auf der eineu Seite die hartnäckigste und eifrigste Abwehr alles Fremdartigen, insofern durch dasselbe der reine Monotheismus irgendwie gefährdet oder auch nur im Entferntesten bedroht schien; auf der anderen Seite die Geneigtheit, neuen Ideen sich anzuschmiegen, wenn dieselben mit den Grundanschauungen des Judenthums sich verschmelzen Hessen, diese vielleicht gar noch zu stützen oder doch plausibler zu machen geeignet schienen2). Was wir aber hier nachweisen wollen, ist, dass die älteren jüdischen Lehrer selbst da, wo sie solche harmlos scheinende, immerhin aber neue Ideen nicht geradezu abwiesen, oder wo sie dieselben gar aufnahmen, dies doch nur mit äusserster Reserve, ja mit nur leicht verhülltem Misstrauen thaten, so dass wir die Beobachtung machen können: je älter die Quellen, desto weniger sind sie dem Einflüsse der den Nachbarvölkern eigenen religiösen Anschauungen zugänglich; erst nach und nach gewinnen solche Vorstellungen sogar auf die abgeschnitten und sie kann aus dieser Quelle nickt mehr ihre Nahrung ziehen (כשל עוזר ונפל עזיר)• Nur deshalb haben wir in Abschn. A. und B. so lange bei diesem Thema verweilt — denn diese Anschauung ist noch heutzutage sehr verbreitet und es müssen ihr die Wurzeln entzogen werden. Wir haben in .späteren Abschnitten noch Gelegenheit in Kürze darauf zurückzukommen. *) שמוה המלאכיס עלו בידם מבבל (Jeruschalmi Rösch haschana Cap. I.) 2) Vgl. Graetz, Gesch. II. Bd. zweite Hälfte, S. 199 ff. «Das Judenthum im Verhältniss zur Zendreligion»; ferner, Freudenthal, «Hellenistische Studien» Heft I. und II. über das Verhältniss des Judenthums zum Hellenismus.