Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1881
- Date
- 1881-01-01
- Page
- – (sequence 49)
- Language
- German
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46 geben. Er nennt zwar das Weib zu Endor (nach dem Vorgänge der Septuaginta) eine Bauchrednerin, berichtet aber nichtsdestoweniger mit vieler Feierlichkeit von der Kunst derselben, die Todten zu citiren1). Das darf uns aber in Berücksichtigung der Zeit und der Umgebung, in der Josephus lebte, gar nicht Wunder nehmen. Vielleicht durfte er, unter römischer Herrschaft und Protection lebend, es nicht einmal wagen, gegen die Mantik im Allgemeinen und die Nekromantie insbesondere offen aufzutreten, während er die Prophetie mit Wärme vertheidigte. Mehr Wunder ist es, dass andere berühmte jüdische Gelehrte, in einer zwar späteren Zeit, aber doch noch immer in einer Zeit, wo das in anderen Kreisen unerhört war, mit solchem Freimuth und solcher Freisinnigkeit diese Bibelstelle erklären. Ich meine die Geonim R. Saadia, R. Samuel ben Chofni und R. Hai2). Es gereicht das in Wahrheit dem Judenthume zur Ehre. Indem wir jetzt von der Regierungszeit Sauls zu der seines Nachfolgers David übergehen, finden wir auf dem Wege unserer Betrachtung, speciell in Ansehung der von uns ausgesprochenen Behauptung, die Bibel halte sich von abergläubischen Vor- Stellungen möglichst frei, einen Stein des Anstosses in dem Berichte von der Volkszählung Davids und der darauf erfolgten göttlichen Strafe (2. Samuel 24, 1 ff.). An und für sich hat es zwar nichts Befremdliches, wenn die h. Schrift, ganz ihrem Geiste *) Nicht unerwähnt mag bleiben, dass Josephus in seinem Berichte über die Begebenheit zu Endor Ansichten kundgiebt, die von späteren jüdischen Commentatoren, ohne dass sie Josephus kannten, getheilt oder auch in Controverse gezogen werden. So z. B. führte ich oben die Ansicht des R. Jesaja an, dass die Nekromantin, mit dem citirten Geiste in Rapport stehend, von diesem selbst die Auskunft erhielt, dass der König der Fragende sei. Dieselbe Ansicht findet sich in Josephus. Ferner sprechen Gersonides und nach ihm Arama die Ansicht aus, dass, als Saul sagte: «Bringe mir den Samuel herauf!» das Weib noch nicht wusste, dass Samuel der Prophet gemeint sei, sondern irgend ein Anderer dieses Namens, weil Saul eben das epitheton Omans «der Seher oder der Prophet» (הרואה א1 הנביא) weggelassen., Abarbanel findet diese Ansicht mit Recht sonderbar (ואפלא מרלב״ג שבחב שחשבה האשה שהי' שמואל אחר לא שמואל הנביא)• Doch auch josephus spricht dasselbe aus. 2) Saadia lebte 928—970. Samuel ben Chofni starb 1034. Dessen Schwiegersohn Hai (oder Haja) lebte 969—1038. (S. Graetz VI., 13 und Rapoport בכורי העתים תולדות רב האי גאון)•