Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 45)
- Language
- German
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43 nicht von Unredlichkeit schlechtweg, von Veruntreuung fremden Eigenthums überhaupt die Rede ist, sondern speciell von falschem Mass. Der Schwerpunkt der Unterscheidung liegt also nicht, wie es nach den Worten des Maimonides obenhin scheint, in dem Verhältniss des Moralischen zum Religiösen und in der UeberOrdnung des Ersteren, sondern in der Möglichkeit und Unmöglichkeit der Sühne. So viel geht aber aus manchen Aus- Sprüchen der Mischnah-Lehrer hervor, dass sie dem Ethischen nicht blos eine bedingte, von Religiosität abhängige Bedeutung beilegen, ihm vielmehr absolute Geltung zuschreiben, daher auch an dem Heiden und Götzendiener anerkennen (im Gegensatz zu dem Kirchenvater Augustin, der die Tugenden der Heiden als «glänzende Laster» (splendida vitia) bezeichnet). So bemerkt R. Gamaliel zu Spr. Salom. 14, 34: «Gerechtigkeit erhöht ein Volk» das deute auf Israel — «Wohlthätigkeit ist die Sühne der Nationen» auf die anderen Völker10). Ebenso bemerkt Sifra zu dem Psalmvers (118, 20): Dies ist die Pforte des Ewigen, Gerechte treten da ein — es heisst nicht Priester, Leviten und Israeliten, sondern Gerechte11). Angesichts einer solchen offenbaren Unterscheidung des Religiösen und des Sittlichen ist es nun durchaus charakteristisch, dass das Sittliche vorzugsweise den Inhalt der Heiligung oder Entweihung des göttlichen Namens ausmacht. Das eigentliche Wesen der letzteren besteht nun darin, dass durch die Handlung des Menschen die Macht und Wirkungskraft des Sittlichen offenbar werde. Gerechtigkeit zu üben ist Pflicht; aber Gerechtigkeit auch geg*en den Nichtjuden zu üben, also die Gerechtigkeit in Israel vor den Augen des Andersgläubigen zur Anschauung und Anerkennung zu bringen, ist zugleich Heiligung des göttlichen Namens, wie das Gegentheil Entweihung. 10) Pesikta ed. Bujber 12 b; cf. Bab. batra 10 b. u) Sifra zu Levit. 18, 5.