Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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38 früher geben liessen als sie selbst sich zur Tafel setzten. Auch soll man die Sclaven weder handgreiflich noch mit Worten verächtlich behandeln; ihre Knechtschaft hat die Torah gestattet, nicht ihre Beschämung. Auch soll man sie nicht mit Geschrei und Wuth überhäufen, sondern mit Sanftmuth zu ihnen sprechen und ihre Gegenrede anhören. So heisst es ausdrücklich in der Schilderung von Hiobs Lebenswandel: Wenn ich verachtet hätte das Recht meines Knechtes und meiner Magd, als sie mit mir im Streit waren, was würde ich thun, wenn Gott aufstünde, was ihm erwidern, wenn er es ahndete? Hat er sie nicht im Mutterleibe geschaffen, wie er mich geschaffen? Sind wir nicht gebildet in gleichem Schosse?»10). Uebrigens betrachtet die talmudische Ethik die Erfüllung der Liebespflichten (im Gegensatz zu denen des strengen Rechts) nicht als eine Eigenschaft, welche, um mit einem neueren Sittenlehrer11) zu reden, in der Moral ungefähr dasselbe ist, was man in der Sprache oder in den Künsten Anmuth nennt, als eine Vortrefflichkeit, welche über die strengen Forderungen der Regel hinausgeht, als eine herrliche aber entbehrliche Zierde, durch welche das Stück freilich gewinnt, ohne welche es aber doch auch keinen Fehler gehabt hätte. Die Unterlassung mancher Aeusserung des Wohlwollens, die wir zu Tage legen könnten, betrachtet sie also auch nicht blos als die Abwesenheit eben so vieler Schönheiten und Reize in unserem Lebenslauf, sondern als eben so viel Uebertretungen unserer Pflicht, eben so viele Lücken und Mängel in unserem Charakter, eben so viel Flecken und Makel an der Reinheit unserer Ehre. Daher heisst es in der Mischnah12): «Das Meinige ist mein und das Deinige Dein», das ist der lieblose Grundsatz von Sodom 13) Ebenso sagt ein anderer Mischnah- 10) Hiob 31, 13—15. 1J) Fawcett, Sermons etc., deutsch von Schleiermacher i, S. 336. 12) Abot V, 10. 13) Nach dem Prophetenworte Ezechiel 16, 49: Siehe das war die Missethat