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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1877-01-01 · 1877 · page 34

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1877
Date
1877-01-01
Page
– (sequence 34)
Language
German
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IRI
…/2720904-2720959--33-2723143
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32 sein. Man geniesst im Nebelreich der Einbildungskraft, was uns auf dem festen Boden der Wirklichkeit als ein Verbrechen oder wenigstens als eine Entwürdigung erscheinen würde, glaubt sogar oft, darin einen Schutz gegen die sündhafte Handlung zu finden. Aber dies Letztere ist eine Verkennung der Macht der Phantasie. Die von ihr hervorgezauberte Welt wirkt, wie die bestehende, als Reiz auf unser Herz und zieht in ihm die Leidenschaft gross; ja ihre Gebilde werden in Einer Rücksicht sogar noch stärker als die Aussenwelt sein. Denn wenn wir in der Wirklichkeit bösen Begierden fröhnen, so bleiben auch Widerwille und Gewissensbisse am Ende nicht aus, die den später neu auftretenden Begierden mit entgegenwirken. Die Phantasie indess führt uns in ihren Schöpfungen nur bis zu dem höchsten Punkte des Genusses, auf dem das Herz sich befriedigt fühlt; dann hört sie, da sie allein in dessen Diensten steht, mit dem Trieb zugleich plötzlich zu wirken auf, führt uns die traurigen Folgen unserer Handlungen nicht mit vor, so dass sie uns eben so starke Reize, aber ohne die trüben Erfahrungen der Wirklichkeit, schafft und dadurch doppelt gefährlieh wird21). Das ist es, worauf sich nach unserer Meinung das zehnte Gebot bezieht. Wir sollen uns, wenn uns, sei es nun das unmittelbare Wort Gottes oder das Gewissen, eine Handlung aL böse bezeichnet, für den in der Wirklichkeit verbotenen Genuss nicht mit einem von der Phantasie geschaffenen entschädigen wollen, d. h. nicht lüstern sein. Ist die Phantasie auch schwerer als das Handeln zu zügeln, oder schärfer ausgedrückt, in ihrer Thätigkeit zu unterbrechen, so ist es doch immerhin möglich, sei es durch streng geordnete Beschäftigung, sei es durch ein anderes Phantasiegebilde.» Mit anderen Worten: die heilige Schrift verurtheilt das sündliehe Gelüsten in der Form eines einfachen Verbotes; von der 21) Dies ist wohl auch der Sinn der talmudischen Sentenz הרהורי עברה קשו מעברה (Joma 29a.)

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