Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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25 müths, der in ihnen sich ausprägt, ihnen Werth und Weihe giebt1). Mussten nun die talmudischen Weisen die Satzung noch mehr befestigen, so haben sie auch desto eifriger und reiner die Gesinnung gefordert, aus welcher die Erfüllung derselben hervorgehen soll. Wiederum sind es auch hier nicht die einzelnen Aussprüche, von denen wir das wahre und vollgiltige Zeugniss zu erwarten haben, von welcherlei Sinn die Weisen des Talmuds beseelt waren; sondern ihre ganze historische Erscheinung, ihr Leben und ihr Wirken, ihr Denken und Wollen, ihre gesammte Lebensanschauung und Lebensführung trägt den ausgeprägten Charakter ihrer Gesinnung. So ganz war ihre Seele erfüllt vom heiligen Eifer, so weit traten für die meisten von ihnen alle egoistischen Antriebe und alle weltlichen Lebenszwecke in den Hintergrund zurück, so völlig sind sie und ihre Lebensweise von sittlich-religiöser Gesinnung durchzogen und durchdrungen, dass diese als das Offenbarste und Selbstverständlichste in besonderen Worten auszudrücken sie sich wohl selten bewogen fühlten. Wessen ganzes Leben ein unausgesetzter Erfolg und ein unaufhörliches Zeugniss (nicht selten in dem besonderen und harten Sinne des griechischen Wortes «Martyrium») sittlicher Gesinnung ist, der findet wenig Anlass und noch weniger Werth darin, es in Worten abzulegen2). Und noch *) Und von dieser speciellen Mahnung gilt nicht minder als von der prophetischen Sittenlehre überhaupt, was ich oben hervorgehoben habe, dass sie im Geiste und im Herzen der späteren Lehrer verbreitet, dass sie nach dem Sinn und nach den Worten ihnen geläufig war, so dass sie nicht als eigene Weisheit zu lehren hatten, was als geistiges Gut Allen überliefert war. 2) Lessings Ausspruch (Minna von Barnhelm): ״Man spricht selten von der Tugend, die man hat“, findet in vielen Fällen ganz gewiss selbst auf die theoretische Besprechung ihre Anwendung. Es wäre ein feines Capitel zur Geschichte der wissenschaftlichen Ethik und der Ethik überhaupt, zu untersuchen, was in einem Volk oder bei einem Sittenlehrer für so durchaus selbstverständlich gegolten habe, was als Tugend so fraglos rühmenswerth oder als Sünde so zweifellos verpönt gewesen sei, dass gar nicht oder selten davon die Rede ist.