Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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24 deutlicher und bestimmter durch die Weisen des Talmuds ausgestaltet wurden. Musste nun diese ungeheure Gefahr, welcher ja die alten Culturvölker alle erlagen, die Gefahr für den Volksgeist sich selbst zu verlieren, seinen Kern- und Idealgehalt durch Verzerrung und Zerfaserung entstellt und vernichtet zu sehen, musste diese Gefahr, sage ich, durch das Aufrichten, Durchbilden und Festhalten strenger Gesetzlichkeit in der Lebensführung beschworen werden, so drohte eben daraus eine neue, nicht minder grosse Gefahr. Der in schützende Hüllen eingeschlossene Kern konnte erstickt, die Schale konnte verhärtet, das innere Leben in dem äusseren Bestand ertödtet werden. Auch dieser Gefahr unterliegen zwar alle menschlichen, sittlichen Bestrebungen, alle idealen Lebensgestaltungen und die religiösen nicht am wenigsten; dieser Gefahr eben so sehr wie der oben erwähnten sind auch die idealen Formen anderer Völker erlegen. Aber für Israel war die Gefahr desto grösser, je bestimmter und reicher auf der einen Seite das Geßecht von Gesetzen und Lebensformen sich gestaltet hatte, je deutlicher und bewusster sie als ein unentbehrliches Mittel zur Erhaltung des Innern erkannt und festgehalten wurden, und je zarter und tiefer, je reiner und erhabener über die Fassungsfahigkeit der grossen Masse immer noch hoch hinausgehender auf der anderen Seite jener innere Kern selbst war. Alle tiefer blickenden Geister und höher strebenden Gemüther bei allen edlen Völkern haben, diese Gefahr für die ideale Formgestaltung des Lebens erkannt und auf sie hingewiesen. Im Volke Israel aber hatten seine Dichter und Propheten von jeher mit einem unablässigen Nachdruck, mit einer nie ermüdenden Eindringlichkeit die Mahnung ertönen lassen, dass zwar die gesetzliche Handlung nothwendig, dass sie aber ohne die innere Gesinnung nichtig sei, dass für den endlichen und leiblichen Menschen eine feste äussere Form und Führung des Lebens geboten, dass aber nur der innere Trieb des Herzens, nur der innere Gehalt des Geistes, nur der innere Quell des Ge-