Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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22 Wie hoch aber auch die sittliche Energie des Willens und die praktische Lebenserfüllung geachtet sein mag, der Sinn für tiefe Innerlichkeit des ethischen Ideals drückt sich nicht bloss in der aufgezeigten hohen Würdigung der Theorie, sondern vor allem auch in der Auffassung des Verhältnisses von n. Handlung und Gesinnung bei den Weisen des Talmuds aus. Ueber alle Betrachtungen, denen man das Judenthum, seine Bildung, seinen Bestand und seine Dauer unterwerfen kann, hinaus ragt der eine Gedanke, dass es einen objectiv unverwüstlichen Kern ewiger Wahrheit von jeher besass und besitzt in seinem Gottesbewusstsein, in seinen Ideen von der Einheit, Alleinheit und Ewigkeit Gottes und der göttlichen Leitung menschlicher Geschicke und Geschichte. Befreit von mystischen Vorstellungen, gereinigt von Gebilden der Phantasie sollte diese Gottesidee immer tiefer im Geiste erfasst, aber auch immer weiter im Herzen des Volkes verbreitet werden. Aber reine Gedanken sind flüchtig und zart, reine Gedanken werden nur schwer und allmählig erfasst, noch schwerer in der breiten Masse des Volkes bewahrt; und dennoch sollten diese reinen Gedanken Sinn und Seele des gesammten Volkes erfüllen. Um diesen letzten und höchsten Zweck mensch־־ liehen Lebens sicher zu erreichen, war der innere Kern mit einer schützenden Schale umgeben; gesetzliche Bestimmungen sollten das ganze Leben durchziehen, mannigfaltige und feste Hüllen, in Sitten und Gebräuchen ausgeprägt, sollten den Kern für alle Zeiten lebendig und keimkräftig erhalten. Nicht bloss in feierliehen Stunden, nicht bloss im Gotteshause, sondern zu allen Zeiten und an allen Orten sollte die Berufung Israels, jenes höchsten Gedankens Träger zu sein, ihm kund und gegenwärtig bleiben. Welchen Ursprung manche gesetzliche Bestimmung auch' haben, welchem Zweck sie sonst noch dienen mochte, immer war sie zugleich eine Erinnerung, eine Mahnung, ein Symbol des Ge-