Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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19 sich zu Gemüthe zu führen, wie sie damit die Mauern der Lehre einreissen und ihre Zäune zerstören»12). Für die jüdische Anschauung in der allgemeinen lebendigen Tradition (von welcher, wenn es nicht Phantasien über das zukimftige, sondern Bestimmungen über das gegenwärtige Leben gilt, selbst die jüdischen Aristoteliker kaum auszunehmen sind), ist eben die Gnosis selbst eine Praxis; der Erwerb der Erkenntniss und die Beschäftigung mit derselben ist, ganz abgesehen von einer handelnden Anwendung, selbst ein praktisches Gebot. Die gesetzlich gebotene Erforschung der Torah13) kann und darf desshalb auch als die Quelle der hohen Würdigung aller Geistesarbeit gelten, weil alle Erkenntniss Erkenntniss Gottes und seines heiligen Willens, also auch seiner Gesetze ist, dergestalt, dass das Gottesbewusstsein und das Weltbewusstsein des Menschen wesentlich vom Geiste der ethischen Praxis erfüllt erscheinen. Oder mit anderen Worten: im Studium der Gotteslehre (תלמוד תורה) handelt es sich nicht bloss um das Erkennen, sondern um das Erforschen, nicht um den idealen Inhalt allein, sondern auch um die ideale Beschäftigung. Zu der positiven 12) Sehr wesentlich für die Charakteristik der jüdischen Anschauung ist auch der von R. Josef Albo (Ikkarim HE, 3) hervorgehobene Gedanke, dass in der ausschliesslichen Anerkennung der Gnosis ein Aristokratismus stecke, der jede ideale Hoheit in diesem und Unsterblichkeit im künftigen Leben auf eine ausgesuchte Schaar von Geistern beschränke. Seine Ausführungen erinnern an Rückert’s Worte (Weisheit d. Bram. B. 10): Ihr wollt doch überall etwas Apartes haben, Unsterblichkeit sogar soll vorzugsweis euch laben. Als Denkensstarke bald, und bald als Glaubensfeste, Sprecht ihr sie an für euch und sprecht sie ab dem Reste. Gemeine Menschen sind mit Seelen nur begabt, Thierseelen gleich, indess ihr Geister Geist nur habt. Ebenso deutet R. Asarjah Figo den Ausspruch des Kohelet 12, 13: Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn dies ist Sache aller Menschen (nicht wie die metaphysische Gotteserkenntniss, die bloss Eigenthum weniger Philosophen ist). 1S) והניח בו יומם ולילה Jos. 8 ,ז. 2