Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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11 Wunsche seiner Bekehrung־ provocirt. Für das interne Interesse des Judenthums, für einen jüdischen Geist oder ein jüdisches Ge־ müth gab es keinerlei Bedürfniss nach einer solchen präcisen Fassung eines Princips. Wir mögen also historisch den Versuch machen, von uns aus die sittliche Substanz aus dem Bewusstsein des jüdischen Volkes oder den ethischen Idealgehalt aus der Lebensanschauung seiner Weisen, aus den Gedanken und Vorschriften seiner vielverbreiteten gelehrten Schulen gleichsam herauszuschälen, nachzuconstruiren und zu kennzeichnen: in den Worten und Aussprüchen der Tal־ mudisten selbst haben wir sie nicht zu suchen. Ich verfolge eine etwaige Darstellung dieses Princips hier nicht. Es bedarf dessen auch nicht; die hohe Ausbildung des Gottesbegriffes selbst, welcher der höchsten, erhabensten und reinsten sittlichen Anschauung entspricht und entspringt, ist Zeugniss, ja er ist gleichsam eine Um־ Schreibung jenes sittlichen Principes selbst. Denn mit vollem Recht bemerkt M. Joel10): «Erfahrungsmässig ist der Gott eines Menschen so wie sein Verhalten. Das Verhalten ist Ursache, der GottesbegrifF Wirkung. Mitten in einem unsittlichen Volke kommt kein heiliger Gott auf. Die Theorie ist weit seltener die Ursache für die Praxis, als die Praxis für die Theorie. Der jüdische Monoläuterung und Stütze diene. Dieser Streit zwischen Ges etzÜbung und Moral ward nachher umgewandelt in Gesetzübung (Petrus) und Glauben (Paulus)“ ibid. p. 265. Allein weder an der citirten Stelle Schabbat 31a noch sonst irgendwo in den talmudischen Quellen ist von einer solchen Verschiedenheit in der Grundansicht vom Wesen der Religion etwas zu entdecken. Wohl steht es fest, dass Schammai und seine Schule in ritualgesetzlicher Hinsicht rigoristischer waren als die HiLLEi/sche, allein sie waren es auch in sittengesetzlicher, wie z. B. in der Forderung der strengsten Wahrhaftigkeit ohne Connivenz für die Formen der Höflichkeit, ohne Accomodation der ethischen Theorie an das Leben (Ketubot 17 a), in der Einschränkung der Scheidung auf den Ehebruch (Gittin 90 a) und in manchen anderen Punkten. TJeberhaupt verdiente diese Schule, gerade vom ethischen Standpunkte, eine bessere Würdigung als sie bisher erfahren. 10) Religionsphilos. Zeitfragen S. 82.