Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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10 Grundprincip gemacht8), und das «Heilig sollt ihr sein» ist ein eben so allgemeines und für die Ableitung alles Besonderen eben so fruchtbares Princip wie etwa das naturae convenienter vivere bei den Stoikern. Gesucht aber und aufgestellt wird ein solches Princip im theoretisch-technischen Sinne der Griechen eben nicht. Höchst charakteristisch ist es, dass an der vielleicht einzigen Stelle, wo von Hillel ein solches allgemeines Gesetz so ausgesprochen wird, dass der klare Gegensatz eines allgemeinen sittlichen Princips gegen die einzelnen sittlichen Gebote hervortritt9), es eben ein Heide ist, welcher den Ausspruch mit dem 8) ’E£0(x0£a)<J1<; T(i) fteij) xaxa to ö’jvaxov. cfr. Theaet. ed. bipont. II p. 121. 9) Schabbat 30 b. רסני עלך לחברך לא תעבד וכוי was Dir unlieb ist , time auch Deinem Nächsten nicht, dies ist der Inhalt der ganzen Gotteslehre, alles Uebrige nur die Auslegung. Gelegentlich sei bemerkt, dass in neuerer Zeit über die Priorität dieser Lebensregel viel gestritten worden. Graetz (Geschichte III 209) sagt: ״Dieser Grundsatz edler Menschenliebe, der später als eine neue Offenbarung von den Heiden begrüsst worden ist, stammt sicherlich von Hillel•; denn er ist ein Ausfluss seines reichen menschenfreundlichen Gemüths und wird durch andere Sprüche, die sich von ihm erhalten haben, bestätigt. Tobias 4,15 ist jünger als Hillel“. Andere behaupten, Hillel’s Antwort sei ihrem Hauptsatze nach griechischen Ursprungs. Isöcrates giebt dem Nicocles die Lehre: °A icaa^ovxes ucp’ ete(kov 0pY{£saüs, xaü־a toü; aXXoue p.׳ [/׳hoieite (Tetral. 3. 61). Wie Jost (Geschichte des Judenthums I S. 259) bemerkt, findet Erasmus Chil. EU ed. Tub. 1514 p. 230 b. den Gedanken schon im Homer. Vgl. noch Löw, die Lebensalter S. 430 Anm. 190 und Herzfeld, Geschichte des Volkes Israel HI 532 Anm.; Geiger, das Judenthum und seine Geschichte S. 103. Wie es scheint, hat man aber ganz unbeachtet gelassen, dass der Kern des Gedankens schon in der Schrift enthalten ist. Exod. 23, 9. Du sollst den Fremdling nicht bedrücken; ihr wisset ja wie dem Fremdling zu Muthe ist, da ihr Fremdlinge wäret im Lande Mizrajim, — was doch keinen andern Sinn haben kann, als: Da euch die drückende Behandlung in Aegypten missfallen hat, so dürft ihr sie auch gegen einen andern Fremdling nicht üben; der fragliche Satz erweitert also nur zu einer all gemeinen Lehre, was die Schrift von einem besonderen Falle sagt. Ganz unbegründet ist Jost’s Behauptung einer Verschiedenheit in der Grundansicht yon dem Kern der jüdischen Religion, ״indem Schammai denselben lediglich in der strengen Gesetzübung erkannte, während Hillel ihn in dem sittlichen Grundsatz ״Was Dir nicht lieb ist, thue auch Andern nicht“ suchte, welchem das Gesetz nur zur Er י