Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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9 menschlichen Denkens nichts, was gewisser, sicherer, klarer, bestimmter, zweifelloser war, als dass Gott der Schöpfer eben sowohl einer sittlichen als der physischen Weltordnung sei, dass er die Quelle aller, auch der ethischen Wahrheit sei und dass die überlieferten Sittengesetze eben diese Wahrheit ausdrücken und enthalten. Es fehlt zwar im Talmud und fehlte schon bei den Propheten nicht an einzelnen Aussprüchen von einer so umfassenden Gewalt, dass in ihnen wirklich der Kern der ganzen Sittlichkeit enthalten scheint, und in diesem Sinne haben auch die Talmudisten solche Sprüche als Principien angesehen7); aber weder konnte diesen Sprüchen, auch wenn sie des göttlichen Namens keiner Erwähnung thäten (was sie nur zum Theil nicht thun) eine von dem theistischen Hinter- und Untergrund aller Sittlichkeit abgelöste Bedeutung in der Seele eines Talmudisten zukommen, noch wird irgend wo der Versuch gemacht, aus diesen allgemeinen Sätzen in systematischer Ordnung die überlieferten oder weiter ausgebildeten Sittenlehren abzuleiten. Die sittliche Grundstimmung also war thatsächlich und zweifellos gegeben; der Hang zu strenger Systematik fehlte; oder wenigstens zur praktischen Befestigung des ethischen Lebensbaues bedurfte man ihrer nicht, — um so weniger, als es auch an ethischen Stammbegriffen nicht fehlte, welche theils überliefert waren, theils aufgestellt wurden. Die in der Anmerkung citirten Worte von Micha, Jesaias und Habakuk, die Sprüche in Abot I, 2. 18 waren ebenso geläufig und so fruchtbar wie etwa die vier Tugenden bei den Griechen. Auch bei Plato wird auf der einen Seite das Streben nach Gottähnlichkeit zum ethischen 7) cf. Maccot 23 b : ״Das mosaische Gesetz enthält 613 Gebote. Diese führte David (Psalm 15) auf elf zurück. Jesaias (33, 16) fasst sie in sechs zusammen, Micha (6, 8) in drei: Er hat dir kund gethan, Mensch was gut ist, und was fordert der Ewige von dir, als Recht thun, Liebe zur Milde und demüthigen Wandel mit Gott, deinem Herrn. Dann führte sie Jesaias (56, 1) wieder auf zwei zurück: Beobachtet das Recht und übet die Tugend. Endlich fasste sie Habakuk sogar in den einen Aus- Spruch zusammen: der Gerechte lebt durch seine Treue (2, 4),<ז