Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2720904-2720959--09-2723119- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 mich herantretenden Gebot beruhen, oder heteronom sein. Nun fängt aber die wahre Moralität erst mit der sittlichen Autonomie an, und die heteronome Moral, wie werthvoll sie auch als Erziehungsmittel für Unmündige sein mag, wird zur unsittlichen Bekämpfung der wahren und alleinigen Sittlichkeit, wenn sie sich ausdrücklich an deren Stelle setzt. Da nun aber der Theismus kein Moralprincip über oder neben dem göttlichen Wesen dulden darf, so muss alle theistische Moral nothwendig unsittlich wirken, insofern die Bildung schon bis dahin fortgeschritten ist, dass die für die sittliche Autonomie nothwendige Reife des Geistes erlangt ist. Das moderne sittliche Bewusstsein ist sich nun aber darüber schon ganz klar, dass Handlungen, die nur gehorsame Ausführungen eines fremden Willens sind, niemals einen sittlichen Werth im eigentlichen Sinne beanspruchen können, vielmehr die moralische Bedeutsamkeit erst bei der selbstgesetzgebenden Selbstbestimmung anfängt.» Hartmann verwechselt eben die Autonomie und Heteronomie des sittlichen Menschen mit der Autonomie und Heteronomie der Sittlichkeit selbst. Nur auf diese, nicht auf jene kommt es an. Anderenfalls ist die Autonomie des Sittlichen ein blosser Schein, oder eine ganz ungerechtfertigte Uebertreibung. Wer immer der Gesetzgeber sei und welche die Quelle der Erkenntniss, nur die Einsicht in den Werth und die Würde des Gesetzes entscheidet über die Sittlichkeit, über die wahre sittliche Natur desselben. Man kann Hartmann auf den tiefen Gedanken Plato’s hinweisen: Die Götter sind nicht heilig, weil sie Götter sind, sondern sie sind Götter, weil sie heilig sind. Für die talmudische Anschauung aber bilden Gott und Heiligkeit eine so absolute begriffliche Identität, dass ihr auch Plato, wenn nicht seine Bewunderung, so doch seine höchste Zustimmung gewährt hätte. Die talmudische Ethik hatte somit nicht in irgend einem Princip sich erst eine Grundlage zu schaffen; es gab im Bereiche