Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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5 historische Voraussetzung, sondern eine objectiv wirkende Macht im Geist und im Gemüthe jedes Talmudisten war, wenn wir uns etwa zu solchen Fragen wie die nach dem Grundprincip der talmudischen Ethik wenden. Kein Unparteiischer wird anstehen, es dem Geiste des griechischen Volkes als einen erhabenen Vorzug anzurechnen, dass in ihm Sinn und Vorbild für eine systematische Behandlung des Wissens deutlicher als vielleicht bei irgend einem anderen hervorgetreten. So haben denn auch die Fragen, die sich auf das sittliche Leben des Menschen beziehen, in derjenigen Periode, welche der oben erwähnten folgt, zur Ausbildung der Sittenlehre als einer geordneten und in sich zusammenhängenden Wissenschaft geführt, in welcher ein Grundprincip der Sittlichkeit aufgestellt und aus diesem alle besonderen Lehren derselben abgeleitet werden. Innerhalb des Judenthums hat eine solche formelle Gestaltung der Sittenlehre erst in späterer Zeit unter dem methodologischen Einfluss und nach dem Vorbilde der griechischen stattgefunden3); der talmudischen Epoche fehlt sie. Verkennen aber darf man nicht, dass für den Ausbau der ethischen Wissenschaft, namentlieh aber für das Aufsuchen und Aufstellen eines allgemeinen Princips, aus welchem der sittliche Lehrgehalt abzuleiten wäre, bei den Griechen Motive vorhanden waren, welche dem jüdischen Geiste durchaus fern lagen. Eine flüchtige Andeutung dieser Verschiedenheit kann und darf uns genügen. Verschiedene Strömungen der öffentlichen Cultur (unter denen und aus deren Gegensatz sogar eine Strömung gegen alle Cultur sich herausbildet — Cyniker —) hatten zu verschiedenen Lebensanschauungen überhaupt geführt; die Werthe und die Zwecke des Lebens wurden eben so abweichend von einander 8) Näheres hierüber enthält die treffliche Schrift von Dr. David Rosin, ״Die Ethik des Maimonides“.