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Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung · 1877-01-01 · 1877 · page 5

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Journal
Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
Volume
1877
Date
1877-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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IRI
…/2720904-2720959--04-2723114
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s Volksbewusstsein anerkannt ist, namentlich aber auch die bestimmte Zurückweisung falscher oder niedriger, hinter dem sittlichen Ideal zurückbleibender Lebensgewohnheiten oder Lebensregeln. Gleichwohl würde nun derjenige vollkommen in die Irre gehen, welcher etwa jene älteren Vorläufer einer systematischen Sittenlehre bei den Griechen, jene speculativ angelegten, sittlich hochstehenden und höherstrebenden Geistern entstammenden Aus- Sprüche einfach neben die analogen Aussprüche des Talmuds stellen, beide mit einander vergleichen und nach dieser Vergleichung beurtheilen wollte. Nicht als ob der talmudische Schatz der Sitten- Weisheit diesen Vergleich zu scheuen hätte; an Fülle und Tiefe, an Reichthum und Reinheit wird er den hellenischen weit übertreffen. Die ganze Lebensanschauung ist bei den talmudischen Weisen — von rein ethischem Standpunkt betrachtet — tiefer, ernster, gewaltiger. Für die Griechen sind die ästhetischen, für die Juden die sittlich-religiösen Motive die stärksten. Dort ist es Schönheit, Ebenrüass, Harmonie, welche das Leben ordnen und schmücken sollen; hier ist es die Wahrheit des Ewigen, das Riehtmass des Gesetzes, die unbedingte Macht des Guten, welche das Leben regieren und erfüllen sollen 1). Aber zunächst den griechischen Weisen geschähe mit der Vergleichung ein Unrecht. Ihr unsterb- ף Treffend bemerkt Lotze (Mikrokosmos III S. 147 f): ״Unter den theokratisch geordneten Völkern des Orients erscheinen uns die Hebräer wie Nüchterne unter den Trunkenen; dem Alterthum freilich dünkten sie die Träumer unter den "Wachenden zu sein4‘. — Den Juden hingegen werden die Griechen wie Spielende unter den Ernsten, wie Tanzende unter den Arbeitern erschienen sein. — ״Die antike Bildung, der zu ihrer sinnigen Mythologie und zu den Gottesbegriffen ihrer Philosophie Nichts als der unmittelbare Glaube an deren Realität fehlte, begann auf ein Volk aufmerksam zu werden, das die lebendige Ueberzeugung, die ihr selbst abging, in so hohem Masse besass und dem seine Vorstellungen von Gott und seinem Reiche nicht als poetische Randverzierungen einer völlig weltlichen Lebensansicht, sondern als der tiefste Ernst der Wirklichkeit galten“. — Und selbst Heinrich Heine bemerkt (Verm. Schriften Bd. I S. 80): Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer. 1*

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