Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1877
- Date
- 1877-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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2 irgend einer anderen, etwa der des Aristoteles, oder der Stoiker, oder eines neueren Philosophen, fallt zunächst der einfache literarische Thatbestand ins Gewicht, dass sich im Talmud kein System, keine zusammenhängende Lehre der Ethik befindet. Die wesentlichste Schwierigkeit der Beurtheilung aber, welche sich daraus ergiebt, besteht nicht darin allein, dass man auf die Kenntniss und Prüfung einzelner ethischen Aussprüche — dazu noch aus sehr verschiedenen Zeiten und von sehr verschiedenen Personen — angewiesen ist, sondern vielmehr und am allerwesentlichsten darin, dass man gleichwohl den ethischen Standpunkt, die ethischen Principien und Theorien nicht aus den einzelnen überlieferten Aussprüchen, sondern allein aus der Kenntniss des gesammten Geistes, dem sie entspringen, schöpfen kann. Die petitio principii, welche bei aller historischen Geistesforschung zu Tage tritt, nämlich aus Einzelnem den Gesammtgeist zu erkennen, während doch das Einzelne nur aus der Kenntniss des Gesammtgeistes verständlich wird, steigert sich also bei der historischen Zerstreutheit und Zufälligkeit der ethischen Aussprüche im Talmud; und sie würde bis ans Unlösliche gesteigert erscheinen, wenn nicht auf der anderen Seite gerade in ethischer Beziehung ein so klar hervorleuchtender, jedem Zweifel und jedem Schein entzogener Geist der edelsten Gesittung und Gesinnung über Alles verbreitet wäre, was den Inhalt der talmudischen Schriften ausmacht und auch in der Behandlung jener Materien, die dem Specialgebiet der Ethik scheinbar so fern liegen, aufs Innigste sich bekundete. Rein literarisch betrachtet also verhält sich die talmudische Ethik etwa wie die der Hellenen vor Socrates; es sind einzelne meist aus dem mündlichen Vortrag hervorgegangene, für mündliehe Ueberlieferung bestimmte (Akusmata) daher auch der Form nach meist knappe und präcise Aussprüche. Dort wie hier ist es die in einer besonnenen und energischen Umschau im Leben erfasste Erfahrung; aber auch bald die logische Vollendung, bald die ethische Vertiefung dessen, was als Sitte und Sittlichkeit im