Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 121)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2720904-2720961--120-2723062- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
117 weshalb denn auch die Gebete ohne Andacht, das Torah-Lesen ohne Verständnis, die Ausübung der Gesetze ohne Kenntniss ihres Gedankeninhaltes den eigentlichen Zweck frommer üebungen nicht erfüllen1). M. versucht es auch, eine Anleitung zu diesem «Dienst im Geiste» zu geben. Durch eine Jahre lang anhaltende Uebung, sagt er, bringe man es nach und nach dahin, dass alle einzelnen Bestandtheile des öffentlichen Gottesdienstes die ungetheilte Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und die Gedanken in dieser Zeit zu keinerlei weltlichen Int er essen abirren. Da verbleiben dem weltlichen Leben und Verkehr noch reichlich gemessene Zwischenzeiten. Wenn du innerhalb derselben, sagt M., jemals ganz allein oder in nächtlicher Stille wachend auf deinem Lager dir selbst überlassen bist, so hüte dich, diese kostbaren Stunden anders als auf jenen Dienst im Geiste zu verwenden; suche in ihnen durch deine Gedanken deinem Schöpfer näher zu rücken, jedoch immer nur mit klaren Gedanken, frei von den Eindrücken der Einbildungskraft. Zu einer solchen Theilung der Zeit in einen dem Weltleben und in einen der Liebe zu Gott gewidmeten Theil kann es jeder Mann der Wissenschaft bringen. 2. Höher steht die Erkenntniss der Wahrheit und die Liebe zu derselben, wenn sie einen Zustand erzielt hat, worin der Einzelne nur äusserlich mit den Menschen verkehrt und der Beschaffung seines Bedarfs obliegt, während er in Wahrheit innerlich mit seinem Geiste und Herzen bei Gott ist. Nicht einmal alle Propheten haben es zu solcher Höhe gebracht. Es ist die Stufe Moseh’s und der drei Patriarchen2). Die Viehzucht, die Erwerbung von V ermögen, die Fürsorge für ihre Familien, die Leitung ihrer Untergebenen beschäftigten sie nur äusserlich; innerlich waren sie gleichzeitig von der Erkenntniss und Liebe Gottes durchdrungen und nur von dem Einen Streben beseelt, die innigste Annäherung an Gott zu gewinnen, indem sie sich zur Aufgabe machten, eine Gemeinde zu gründen, die Gott erkenne und ihm diene, den Glauben an ihn und die Liebe zu ihm unter den *) Vgl. Bachja’s Hpfl. VIII, B S. 854. 2) Jedoch wird Moseh’s Prophetengabe über die der Patriarchen gestellt in Jes. hat VII, 7; Mor. II, 35.