Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 92)
- Language
- German
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88 ehelichem Verkehr sich auferlegten, auf wollene und härene Gewänder sich beschränkten, in der Zurückgezogenheit der Berge*) und der Wüsten ein Einsiedlerleben führten * 2). — b) Tadelnswerth aber und verwerflich ist es, nach M/s weiterer Erklärung, wenn Thoren, mit der Ursache und den besonderen Umständen dieser dem Leben sich abwendenden Enthalsamkeit unbekannt, dieselbe unbedingt mustergültig finden und deshalb blindlings nachahmen. Als ob Gott dem menschlichen Körper feindlich gesinnt wäre und dessen Vernichtung verlangte, meinen diese Menschen, ihre Ab- Wendung vom Leben sei etwas Gutes, führe zur Tugend und bringe den Menschen Gott näher. Sie merken nicht, dass ihr Verfahren falsch sei und zu sittlichem Mangel führe. Sie gleichen einem mit der Heilkünde völlig Unbekannten, der als Gesunder den Saft von Coloquinthen, Skammonien 3) und Aloe geniesst und Nahrungsmittel sich entzieht, weil gefährlich Kranke durch dergleichen geheilt worden sind, und nicht merkt, dass er sich eben dadurch erst krank macht. Ganz ebenso kommt sittlich herunter, wer ohne Anlass die vorübergehend zur moralischen Besserung etwa erforderliche Lebensweise annimmt. Unsere vortreffliche Lehre verlangt Nichts von solcher Selbstquälerei und Flucht aus der menschlichen Gesellschaft. Sie will ein naturgemässes Leben und nur das Einhalten des Mittelmaszes in Allem. Das haben unsere Alten schon erkannt und ausgesprochen4); das bekunden unsere Propheten und Weisen in Lehre und Leben; darauf zielt der Bescheid, der nach der Wiederherstellung des jüdischen Staates auf die Frage wegen Beibehaltung der früheren Trauerfasten vom Propheten ertheilt worden ist, wobei derselbe die Tugenden des theoretischen und praktischen Lebens allen freiwilligen Entsagungen vörzieht 5). Das aber, fährt M. fort, können diese jüdischen Nachahmer des ף Tibbon nach God. 78 und alt. Ausgg.: ושכונת ההרים• 2) Vgl. auch H. Beot VI, 1; JET. Nedar. XIII, 28. 8) Coloquinthen und Skammonien nennt M. als starke Purgirmittel im Send־ schreiben an Sultan Almalik (Ker. ehern. III S. 16). Bei Tibbon muss es übrigens nach God. 78 und dem Arab. heissen: סמים הנקראים בערבי שחם הנטל ומהמורה ובלע״ז קולוקינטידא ואשקמוניא• 4) Nedar. 10 a u. sonst zu der S. 16, A. 11 angeführten Stelle. 5) Secharja, 7, 1—8, 19. — Dieselbe Verwerfung übertriebener Askese spricht M. in gedrängter Kürze Beot III, 1 aus.