Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 67)
- Language
- German
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68 A. Es giebt keine Bestimmtheit und keine Bestimmung für den Menschen in Betreff des Sittlichen. I. Eine Bestimmtheit des Menschen in sittlicher Hinsicht anzunehmen, ist unzulässig. 1. Eine Bestimmtheit nämlich wäre es erstlich, wenn dem Menschen Tugend und Laster angeboren wären. Dies ist aber so wenig wahr, wie dass eine Kunstfertigkeit Jemand angeboren sei. Nur eine natürliehe Anlage, bestehend in einem gewissen Temperamente — und einer damit zusammenhängenden Beschaffenheit von Geist und Gemüth*) — ist von Hause aus dem Einzelnen, aber auch ganzen Nationen * 2), ge־ geben. Allein das jedem Menschen eigne Temperament ist sittlich gleichgültig und nicht selbst schon Tugend oder Laster. Nur eine Disposition zu gewissen Tugenden oder Lastern enthält diese angeborne körperliche — oder geistige — Beschaffenheit 3). Es ist aber eben die sittliche Aufgabe des Menschen, die Anlagen zu den Tugenden zu benutzen und die zu den Lastern zu unterdrücken. Keine Tugend ist unerreichbar, auch wo die Anlagen ungünstig für dieselbe sind, und ebenso kein Laster für den Menschen unvermeidlich, mag auch seine ursprüngliche Natur dazu neigen4). Fragen wir sodann nach den Mitteln, wodurch es den Menschen möglich werde, die Anlagen ihrer Natur zu entwickeln oder zu be- ף Mor. III, 12: Die Eigenschaften der Seele richten sich nach dem Temperament des Körpers. 2) Wie nach der interessanten Stelle in Pirke Moscheh, Cap. 25, fol. 53 a hinzugefügt werden muss. — Beiläufig sei bemerkt, dass für den das. angeführten und auch sonst in dem Buche öfters vorkommenden Arzt alkasi — aus Mor. III, 12 Anf. hinreichend bekannt — in beharrlich fehlerhafter Weise im Sendschreiben an den Sultan Almalik (Ker. ehern. III, S. 15. 26. 27 und sonst) ך,ראןו statt הראןו אלראזי gedruckt worden ist. 3) Vgl. ARISTOT. NE. II, 1. 4) Vgl. Mor. III, 8: Eine Gottesgabe ist die günstige Materie (sinnliche Anläge und damit zusammenhängende Seelenthätigkeit; s. schon oben S. 52 f. und A. 2 das.); aber unmöglich ist es nicht, durch Uebung zur Beherrschung selbst der ungünstigsten Materie sich zu befähigen. — alfarabi, Princvp. S. 37: Die Verschiedenheit der natürlichen Anlagen für Erkenntniss und Sittlichkeit in den einzelnen Menschen hebt die Willensfreiheit nicht auf, sondern bietet nur eine grössere Schwierigkeit oder Leichtigkeit in der Entscheidung. — Sehr ähnlich ibn daud in Em. ram. II, 6, 2 S. 96 (wie denn jenes Cap. in E. ram. überhaupt voll von Berührungen mit M. ist).