Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 59)
- Language
- German
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55 Was sodann das Denkvermögen betrifft, so herrsche darüber eine gewisse Unsicherheit 1). M. entscheidet sich dafür, dass׳ Gesetzesbefolgung und Gesetzesübertretung auch bei diesem Theile der Seele &p£7m%׳rj vom sittlichen Handeln ausschliesst nnd dies mit deren überwiegender Wirksamkeit im Tranme begründet, ferner «das Begehrungsvermögen nnd den Trieb im Allgemeinen» (tö £7ufiüp.7]T1y.ov xal oXoag öpexxtxov) als die nnmittelbare Quelle des sittlichen Lebens bezeichnet. Auch er schliesst schon die Einbildungskraft von der sittlichen Wirksamkeit aus und motivirt dies nur anders als M. hier, nämlich damit, dass dieselbe eine Bewegung nur vermittelst des Triebes hervorbringe (De an. III, 10). Und diesem Satze selbst schliesst sich M. an einer andern Stelle (Mor. II, 4) an, wo er sagt: die Natur, d. h. der Trieb, das Angenehme zu suchen und das Gegentheil zu fliehen, setze das lebende Wesen in Bewegung, gleichviel ob der Antrieb von aussen komme, wie die Sonnengluth zur Flucht und das Wasser die Dürstenden zum Herankommen veranlasse — oder der Antrieb von innen komme, nämlich durch eine Vorstellung (ein Erzeugniss der Einbildungskraft). Nur so ist auch Mor. II, 12 zu verstehen, wenn es da heisst: Jeder Fehler im Denken und in den Sitten sei das Werk der Einbildungskraffc oder eine Folge ihrer Thätigkeit. — Wesentlich scheint die Abweichung des M. von arist. hinsichtlich des Empfindungsvermögens zu sein, dem M. das sittliche Handeln zuschreibt, A. abspricht. Dieser sagt nämlich {NE. VI, 2): Die Empfindung sei nicht Princip einer Handlung, da die Thiere Empfindung haben, Handlung aber ihnen nicht zukomme. Dieser Grund ist nun ]freilich für M. ohne Bedeutung, da er die Empfindung der Thiere und die der Menschen für grundverschieden im Voraus erklärt hat (Perah I). Indessen ist es wahrscheinlich, dass M. die Empfindung nicht als Princip, sondern nur als unmittelbaren nothwendigen Factor der Handlung hier hat bezeichnen wollen (s. unten S. 57, A. 4). ג) Vielleicht ist die hier nicht näher bezeichnete Unklarheit folgendermassen zu verstehen, arist. (NE. VI, 2) sagt nach der Unterscheidung des theoretischen und des praktischen Denkens sowie des Gegenstandes beider: Nicht das Denkvermögen an sich bewirke ein Handeln, sondern nur das auf eine Handlung oder einen Zweck gerichtete Denken. Hiernach sei der Vorsatz, der ja Princip des Handelns sei, entweder begehrendes Denken oder denkendes Begehren zu nennen (*! opexrixoc vous ף Trpoodpeai? r ops^c 8tavo׳f]Ttz'/j) und ein solches Princip sei der Mensch. — Aus diesen Worten des arist. konnte ein Missverständniss entstehen. Die Frage nämlich, ob das Denkvermögen (vou;) Princip des sittlichen Handelns nach A. sei, liess sich bejahen und verneinen; bejahen in Betreff des AoyiaTixov und zwar in dessen engster Verbindung mit dem Begehren zur Einheit des Vorsatzes (vgl. über die cppov7]cts NE. VI, 13), verneinen hinsichtlich des Denkvermögens im Allgemeinen und Ganzen, welches im Grunde nur mit Wahr und Falsch, sei es im theoretischen, sei es im praktischen Sinne sich befasst (wie A. NE. VI, 2 vorher erklärt hatte) und welches für sich allein wohl nach sokrates, demA. (NE. VI, 13) entgegentritt, nicht aber nach A. die ethischen Tugenden mit umfasst (s. De an. III, 9. 10).