Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Journal
- Bericht des Jüdisch-Theologischen Seminars Fraenckel'scher Stiftung
- Volume
- 1876
- Date
- 1876-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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io B. Die jüdischen Vorgänger des Maimonides in der ethischen Literatur. Es ist eine nicht unerhebliche Zahl jüdischer Schriftsteller dem Maimonides in der Bearbeitung der jüdischen Ethik vorangegangen. I. SAADIA B. JOSEPH (892—942), Gaon in S u r a, widmete einige Abschnitte seines religionsphilosophischen Werkes Emunot wedeot allgemeinen und besonderen ethischen Fragen. Er handelt im dritten Abschnitte über Offenbarung und Gesetz, im vierten über die Vorzüge und die Willensfreiheit des Menschen, im fünften über Verdienst und Schuld, im zehnten schliesslich über das praktische Leben in seinen besonderen Erscheinungen. Diese sucht Saadia dadurch zu umfassen, dass er, ohne jedoch an eine gedankenmässige Entwickelung seiner Eintheilung zu denken, aus der Erfahrung dreizehn verschiedene Lebensrichtungen nennt — in denen Tugenden, Güter und Thätigkeiten untermischt Vorkommen, — vor einseitigem Festhalten einer einzelnen warnt und vielmehr das Zusammenwirken aller berechtigten Triebe im Menschen, eines jeden Triebes an seinem Orte und in dem ihm gebührenden Masze, fordert. Letztere zu bestimmen, sei eben Sache der menschlichen Vernunft (כח ההכרה), der das Richteramt über die beiden anderen Kräfte der Seele, das Begehren (כח התאוה) und den Affect (10ןט& כח הכעס<;) zustehe und die über sie zu herrschen berufen sei. Neben der Vernunft wird dann im Laufe der weitern Ausführung das Gesetz als selbstverständliche Instanz vorausgesetzt und das gesetzlieh Verbotene überall ausgeschlossen. Das Masz sei aber für jene dreizehn Bestrebungen ein ungleiches; daher müssten dieselben in einem jeder einzelnen angepassten Masze vereinigt werden. Wo das Masz in der Neigung einen zu grossen Widerstand finde, müsse die Enthaltsamkeit, welche eigentlich nur auf das geradezu Verbotene zu beschränken wäre, als eine vorübergehende Uebung angewendet werden, bis das richtige Masz keinen Widerstand mehr finde. Wir werden später sehen, dass die allgemeine Forderung des Maszes und die Empfehlung des zeitweiligen Gebrauches eines Uebermaszes zur Herstellung des gestörten Gleichgewichts bereits an die Ethik des Maimonides anklingt.